Es erscheint uns willkürlich und als eine Verkennung und Ueberschätzung dessen, was die Statistik zu leisten vermag, in diesen Zahlen, die sich im besten Falle über drei Jahrzehnte erstrecken, einen Naturprozess zu erblicken, der mit der Notwendigkeit eines solchen unabänderlich in einem bestimmten Sinne abläuft ...”
An der Hand der Geschichte folgert nun Kalischer die Zukunftssicherheit des jüdischen Volkes:
„Der Gottesgedanke bildete die Schwingen, mit dem sich die jüdische Volksseele aus der staatlichen Enge erhob, und das Palladium, das sie vor dem Schicksal der Zerstörer ihres staatlichen Daseins schützte und sie am Leben erhielt, war die Thora, auf die das Gott selbst geltende Wort angewandt wurde, sie ist „Dein Leben und deiner Tage Dauer, (5 B. M. 30, 20).” Kalischer gibt sodann eine glückliche Zusammenstellung der Grossen in Israel von Mose bis Maleachi, die der jüdischen Lebensbejahung das Wort sprachen. Und eine Welt von Hoffnungen erweckt in diesem Sinne derselbe Prophet Jesaia mit der Verheissung: „Er — mein Knecht Israel — wird nicht ermatten und nicht dahin gehen, ehe er das Recht auf Euch gegründet hat und auf dessen Lehre Eilande harrten.” Und der Artikel schliesst in dem Appell an die Lehre der Bibel. Im Hinblick auf sie könne Kalischer mehr Vertrauen zu der Lebenskraft des Judentums schöpfen. „Vertrauen auch zu dem Geist der Geschichte, dass — wie schon oftmals im Leben der Juden — eine Wendung sich zur rechten Zeit einstellen wird, Vertrauen zu der Macht der Idee, Vertrauen endlich auf das Prophetenwort Jeremias: Es bleibt Hoffnung für Deine Zukunft.”
Die Mehrzahl der Leser fühlte aus allen diesen und vielen ähnlichen Artikeln, Reden und Predigten nur das „Nein” heraus, die absprechende Beurteilung aller pessimistischer Deduktionen.
Wenn auch kühl abwägende Artikel, insbesondere im „Hamburger Israelitischen Familien-Blatt”, in der „Jüdischen Rundschau” und in dem „Frankfurter Israelitischen Familien-Blatt” (jetzt „Neue jüd. Presse”) Raum fanden, als deren gewichtigste Autoren Dr. Artur Kahn, Nachum Goldmann, Dr. Hans Fischer, Dr. Hoppe zeichneten, so waren das doch nur Stimmen einzelner Privatleute ohne Amt und Würde in der Judenheit, deren Urteil keinerlei Autoritätsglaube beigemessen wurde. Nicht nur die genannten zionistischen und orthodoxen offiziellen Publikationsorgane sprachen sich gegen die Auflösungstheorie aus, nicht nur die Vertreter der großen jüdischen Verbände und Gemeinden wußten durch allerlei Maßregeln die absolut nicht beunruhigten Gemüter zu neuem Schlaf zu verleiten ... das Hauptverdienst eines frisch-fröhlichen Auto-da-fés verübten die Vertreter der jüdischen Statistik, die auf verschiedenen literarischen Schauplätzen als die offiziellen Fachleute geharnischten Protest gegen meine „unwissenschaftliche, falsche und leichtfertige Schrift” einlegten.
Die stärkste Vernichtung erfolgte im Rahmen der Zeitschrift des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens „Im deutschen Reich” vom Jahre 1911. Der Centralverein deutscher Staatsbürger ist der größte jüdische Verein Deutschlands. Sein Blatt erscheint in einer ungewöhnlich hohen Auflage und wird in allen jüdisch interessierten Kreisen gelesen. Der Autor der Besprechung meines Buches, die sich zu einem selbständigen 13 Seiten umfassenden Artikel auswuchs, nahm überdies in der einzigen wissenschaftlichen jüdischen Zeitschrift, die sich mit statistischen Fragen beschäftigte, in der Monatsschrift für Statistik und Demographie der Juden, die Gelegenheit wahr, um persönlich und mit Freunden meine gefährlichen Anschauungen mit Stumpf und Stiel auszurotten. An vielen Beispielen behauptete Dr. Jacob Segall nachweisen zu können, daß ich „viel zu rasch aus den Zahlen Schlüsse gezogen”, daß ich „nicht sorgfältig und reiflich das Material angesehen hätte”, das mir für die „zuweilen recht kühnen Schlußfolgerungen” diente. Dazu kämen weiter meine Manipulationen mit vielen falschen Zahlen, Zahlen über deren Zustandekommen ich unfähig wäre zu urteilen, Berechnungsmethoden, die von der Wissenschaft vollständig abgelehnt seien und viele andere Mängel. Das vernichtende Urteil des offiziellen Statistikers der deutschen Juden mußte bedeutsam in die Wagschale fallen. Des langen und breiten glaubte Segall Fehler über Fehler nachweisen zu können, Leichtfertigkeit, die an Gewissenlosigkeit grenzte, Unkenntnis aller möglichen Dinge, Berufung auf falsche Autoritäten, „die sich ihre Zahlen aus der Luft griffen”! Die einschlägige Abhandlung Segalls erschien der langweiligen und wichtigtuerischen Form nach als die berechtigte Abfertigung eines Wissenschaftlers gegen einen dilettantischen Laien. Ich werde auf alle wesenhaften Punkte der Segallschen Methodologie noch in meinen weiteren Ausführungen eingehen. Obwohl dadurch diese Schrift einen polemischen Charakter bekommt, der ihr besser erspart geblieben wäre. So aber muß ich die Zeit und das Papier verschwenden, um darzulegen, wie Segall nur einige Zahlen sieht, deren große Zusammenhänge er nicht versteht. Kleine Druckfehler, die sich in jeder Arbeit finden und die einem ebenso in Segallschen Arbeiten begegnen, sind für ihn die Gewähr wissenschaftlichen Unvermögens. Im übrigen ist die Technik Segalls sehr einfach. Er kommt überall, wo ihn eine Ziffer stört, mit Fragen, Vermutungen, Theorien, für die er keine Unterlagen beibringt. Ich habe in meiner Entgegnung in der Zeitschrift „Im deutschen Reich” nachgewiesen, wie leichtfertig Segall mit Behauptungen umspringt und habe ein Beispiel für die minderwertige wissenschaftliche Methodik Segalls angegeben.
| Segall schrieb 1909: | Und 1911: |
|
„Ein letzter Grund, dass die
Sterblichkeit der Juden
niedrig ist, liegt in der Einwanderung.
Man denkt beim
Rückgang der Sterblichkeit
zumeist an die Verbesserung
der sanitären Verhältnisse und
berücksichtigt nicht, dass bei
den Juden wesentlich die Einwanderung
von Leuten im
produktiven Alter, wo
die Sterbewahrscheinlichkeit
eine geringe ist ... Die Einwanderung hat den Vorteil, dass sie durch die Masse der jugendlich kräftigen Personen, welche herbeiströmen, die Sterbeziffer im ganzen herabdrückt. Daher kommt es, dass die Sterblichkeit der deutschen Juden in Deutschland in den letzten Jahrfünften bei weitem nicht so abgenommen hat, als man hätte erwarten dürfen.” |
„Theilhaber übersieht, dass
die Einwanderer die
Sterblichkeit erhöhen. Denn nicht immer sind es bloss die im kräftigsten Alter stehenden Personen, welche einwandern, sondern zum Teil geht die Einwanderung familienweise vor sich, sodass Kinder und alte Leute, welche von der Sterblichkeit mehr bedroht sind, zur Masse der Einwanderer gehören.” |
In meinen Studien zum „Untergang der Deutschen Juden” hatte ich die Probleme der Erhöhung oder der Erniedrigung der Sterblichkeit durch die Einwanderung sehr wohl beobachtet. Ich konnte aber daraus keinerlei umwälzende Beeinflussung feststellen. Wenn Segall glaubte, daß die Einwanderung einmal die Sterblichkeit erhöht, und einmal sie niedriger werden läßt (wie es gerade in seinen Kram paßt) so hätte Segall sofort sich Aufklärung schaffen können, hätte die Ziffern der gestorbenen Ausländer in Deutschland nachsehen müssen, wie ich es tat und u. a. darlegte in meiner Preisarbeit der Gesellschaft für Rassenhygiene „Bringt das materielle und soziale Aufsteigen der Familien Gefahren in rassehygienischer Beziehung? Dargelegt an der Entwicklung der Judenheit von Berlin”. (Sonderabdruck aus Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie, Heft 1/2, 1913, Leipzig). In Wahrheit übte nämlich die Einwanderung keinen wesentlichen Einfluß auf die jüdische Sterblichkeit aus.