Segall konnte sich ebenso sehr über alle die Fragen, die ihm noch unklar waren, Aufklärung verschaffen. Er, der hauptsächlich statistisch arbeitete, dem ein Verband und ein Büro ganz andere Möglichkeiten einräumte, wie mir, der ich als Arzt nur in wenigen Mußestunden mich der Materie widmen konnte, war mir in allen technischen Hilfsmitteln und Voraussetzungen überlegen. Wenn er trotzdem die Sterblichkeit der ausländischen Juden, die Fruchtbarkeitsziffer an den Berliner, Leipziger, Hessischen Juden und vieles andere, was ich sofort z. T. zur Ueberprüfung meines Materials bearbeitete, nicht selbst untersuchte, sondern stets behauptete, man könne mangels Materials die Fragen noch nicht klären, so geht aus alle dem nur die Unfähigkeit des offiziellen Vertreters der Statistik in Deutschland hervor. Ich würde diese mangelnde Befähigung Segalls, das zu geringe Talent, Entwicklungstendenzen zu überblicken, nicht hervorheben, wenn ich mich nicht im Interesse der Sache dazu genötigt sähe. Bei der Bedeutung des ganzen Problems hat Dr. Jacob Segall durch seine absprechende Kritik die Auslösung einer wissenschaftlichen weiteren Untersuchung der Frage unterbunden.
Wie sich die Journalisten das Ergebnis der wissenschaftlichen Abfertigung ausdeuteten, mag ein Artikel der jüdischen Monatsschrift „Ost und West”, (1917) anzeigen, der u. a. also anhebt: „Dreierlei Lügen gibt es, sagt ein englisches Witzwort: Weiße Lügen, schwarze Lügen und Statistik: es könnte sein, daß die Statistik des Sehers Theilhaber zu der dritten Sorte gehört ...”
Um Segalls Anschauungen kurz zu resümieren, sei gesagt, daß er die Geburtenreduktion bei den deutschen Juden auf die Auswanderung zurückführte, daß er durch den Rückgang der Sterblichkeit einen weiteren Geburtenüberschuß erhoffte, daß er so ziemlich alles, was die Existenz der deutschen Juden bedroht, in Abrede stellte. So pflanzte ein Mann am Grabe die Hoffnung auf, leugnete was war und suchte das graue Bild mit hellen Farben zu übertünchen. Es ist vielleicht nicht ohne Reiz, daran zu erinnern, daß der andere Redakteur der Zeitschrift für Statistik der Juden, Dr. Blau, zuerst in einem Brief, den ich noch besitze, bald nach Erscheinen der Arbeit zum Ausdruck brachte, er habe die von mir vertretenen Dinge in Vorträgen ausgesprochen, allerdings sei es „gefährlich”, wie er mir später mündlich hinzufügte, derartige Anschauungen in Druck zu geben.[3]
Da die jüdischen Gesellschaften und die Oeffentlichkeit eine wissenschaftliche Aussprache über die Probleme nicht zuließen, da bei keiner Gemeinde ein Referat, auf keiner Tagung eine Darlegung der Verhältnisse durchzusetzen war, so mußte ich mich begnügen, in ein paar lokalen Vereinen und einigen loyalen Zeitschriften[4] auf die großen Gesichtspunkte hinzuweisen. Im übrigen war es unmöglich, der offiziellen absprechenden Kritik aller Organisationen und Institute, die dazu das Wort genommen hatten, entgegen zu treten. Das gibt mir nicht nur ein Recht, diese Schrift nochmals auflegen zu lassen, sondern es erscheint mir als Pflicht, trotz aller weiteren Verunglimpfungen, die mir bevorstehen, mit aller Schärfe, die alten Fragen wieder aufzuwerfen und mit Hilfe einiger neuer Zahlen die Entwicklung von neuem zu belegen, wobei ich betone, daß alle wichtigen Ziffern und Tabellen diesmal nur gekürzt wiedergegeben werden können.
Der Gedanke, der in diesem Buch in seinen Konsequenzen wiederholt soziologisch und statistisch eingehend ausgeführt wird, wird allerdings allgemeine Gesetze für die Existenz der jüdischen Bevölkerung auch in anderen Ländern abgeben; inwieweit aber deren Lage mit den Verhältnissen der deutschen Juden übereinstimmen, bedarf erst der Feststellung. Die deutsche Judenheit hat eine teilweise unterschiedliche soziale und sexuelle Gestaltung erfahren, die sie von gewissen jüdischen Centren — wenigstens vor dem Kriege abhob.
Es ist somit nicht der Theorie eines Untergangs der Juden überhaupt das Wort geredet. Wer dagegen die Persistenz aller Teile mit religiösen,[5] historischen und gefühlsmäßigen allgemeinen Argumenten belegt, der mag sich auf den Untergang der 10 Stämme Israels besinnen, an die Auflösung der jüdischen Reiche in Arabien, an die starken Verluste jüdischer Siedelungen in Aegypten und Vorderasien. Ich verweise auf die Geschichte des Chazaren-Reiches und das Ende der Juden in Spanien, auf die Trümmer der jüdischen Wanderung nach Indien, wo die Exilarchen im Jahre 490 zu Kranganor an der Küste Malabar durch den brahmanischen Fürsten Airvi aufgenommen wurden, Land bekamen und unter eigenen Häuptlingen leben durften. Diese Häuptlinge hatten alle Rechte der indischen Fürsten, und ritten auf Elefanten, denen Musik vorherging. Vorhandene Erztafeln kündeten noch in hebräischer Sprache und in dem Idiom des Talmud von ihren Rechten. Die Kolonien wurden längst zerstört. In den weißen Juden von Mattatscheri sollen Reste erhalten sein. Von den chinesischen Juden blieb niemand zurück. Sie sind ausgestorben und nur die Tempel, wie der von Kai-Fong-Fu, Handschriften, Briefe u. a. zeugen von der Vergangenheit. Ferner ist wenig bekannt, daß vorderasiatische Juden unter einem gewissen Benjamin im Jahre 614 n. Chr. Geb. Jerusalem eroberten und sich in Palästina wieder ansiedelten, um bald vom Kaiser Heraklios niedergemacht zu werden.
Die Geschichten der jüdischen Siedelungen sind ein Widerspiel von gewaltsamer Auflösung und Zerstörung, von Zersetzung und Abwanderung. Vor einigen Jahren erregte das Schicksal der zu Grunde gehenden Falaschas Aufsehen, jener abessynischen Juden, die viele Jahrhunderte lang ihre eigenen Fürsten besaßen, die zwei Jahrhunderte lang ganz Abessynien beherrschten. Dr. S. Weißenberg schrieb in der Zeitschrift f. Stat. u. Dem. der Juden, 10. Jahrgang, über „Die Karäer — ein verdorrender jüdischer Stamm”: „Die von Asran gegründete Sekte der Karäer scheint anfangs großen Anhang gefunden zu haben. Dies ist daraus zu schließen, daß im Mittelalter an fast allen jüdischen Sitzen (außer Zentraleuropa) auch karäische Gemeinden in größerer oder geringerer Stärke vorhanden waren ...” Er schließt seine eingehende Arbeit wörtlich: „Wir stehen somit vor einem nicht ganz fernen Untergang der Karäer, falls nicht Maßnahmen getroffen werden, die einem neuen Aufblühen dieses Völkchens förderlich sein könnten.” Die bekannten Samaritaner stehen gleichfalls auf dem Aussterbeetat.
Interessant ist die Geschichte der spanischen Juden in Westindien, die blühende Kolonien anlegten, die heute vernichtet sind. Und wie steht es mit den Familien der alteingesessenen Juden von Frankreich? Was ist aus den blühenden Gemeinden von Italien geworden, deren geistiges Leben durch viele Jahrhunderte die jüdische Welt bereicherte? Von der großen spanisch-jüdischen Bevölkerung Hollands ist nur noch ein Rest übrig.
So sehr es eine historische Weisheit ist, daß sich das jüdische Volk als einziges in der Zerstreuung unter den Völkern erhielt, so tatsächlich ist der Umstand, daß die Persistenz einer jüdischen Bevölkerung allzumeist nur einige Zeit in einem Landstrich währte, daß Blüte, Niedergang, freiwilliges und unfreiwilliges z. T. fluchtartiges Verlassen abwechseln, daß ein Bestand der Judenheit und eine Fortentwicklung in gerader Linie in einem Lande historisch zu den Ausnahmen gehört.[6] Die Nachkommen der alten deutschen Juden sind numerisch in der Hauptsache in Polen, Rußland, Rumänien und Amerika verbreitet, der spanische Jude wohnt im ganzen Orient, in Nordafrika. Spanien, das eine wundersame jüdische Kultur durch ein Jahrtausend gesehen hat, hat sein Judentum mit Stumpf und Stil ausgerottet, so sehr, daß kaum eine Erinnerung mehr an Ort und Stelle zurückgeblieben ist.
Wer also die Zukunft der Juden in Deutschland — und nur darum handelt es sich — durch die Profetie für gesichert hält, kann nicht ernst genommen werden. Er kennt die Geschichte nicht, übersieht die Kleinigkeit, daß selbst das althebräische Schrifttum von der Existenz des jüdischen Volkes in der Allgemeinheit und nicht in einzelnen Teilen spricht und die Schrift die Absplitterung von Partikeln ins Auge faßt.