Seit dem Jahre 1879 haben sich die Juden in den bayrischen Städten mehr als verdoppelt. Ihre Eheschließungsziffer ist entsprechend größer geworden. Trotzdem hat ihre Geburtenzahl keineswegs zugenommen, sondern sich sogar absolut um 20% vermindert. Aber auch auf dem Lande ist die Fruchtbarkeit, mehr als ihrer Eheziffer entsprach, zurückgegangen und der Ausgleich fehlt, welcher der nichtjüdischen Bevölkerung der Großstädte durch das flache Land erwächst. Im Jahre 1905 war die spezifische Geburtenhäufigkeit der Kleinstadt- und Dorfjuden zwar um ca. 33% größer als die der Städte, gleichwohl um 100% geringer, als die der Christen. Wir sehen ferner aus dem raschen Rückgange der Fruchtbarkeit in den Kleinstädten und auf dem Lande: der minimale Nachwuchs des Landes kommt fast garnicht mehr in Betracht und kann so keine Kompensation der gesunkenen städtischen Fertilität herbeiführen. Mit den jungen Landjuden, die in die Städte „strömen”, wird es bald aus sein.
Ich habe eigene Untersuchungen in den Dörfern Unterfrankens angestellt, die von Großstädten weit ab liegen und deren Juden den Boden bebauen und auch hier eine überaus starke Reduktion der Kinderzahl nachweisen können. Statistischen Institutionen der Juden ist es ein leichtes, sich durch Enquêten eine Uebersicht zu verschaffen und es erscheint mir mindestens ebenso wichtig, dieser Frage nachzugehen, als der endlos beackerten Frage der jüdischen Berufstätigkeit Arbeiten folgen zu lassen. Trotzdem sind in den letzten 10 Jahren auf dem Gebiet der jüdischen Bevölkerungspolitik, abgesehen von meinen Untersuchungen, nur kleine Zeitschriftenabhandlungen erschienen, die meist in abgeschwächter Form meine Ergebnisse wieder brachten, zumeist allerdings ohne meine eingehenderen Arbeiten zu berühren.
Um Lesern, die mit der Statistik nicht zu sehr vertraut sind, die Dinge zu erleichtern, kann man diese Ziffern auch in folgender Aufmachung verständlich zeigen.
Es wurden Jüdinnen gezählt in Preußen:
| zusammen | ||||||
| a) als Heiratende in jüd. Ehen | b) als Gebärende in jüd. Ehen | als Heiratende in Mischehen | als Gebärende in Mischehen | Heiratende überhaupt | ehelich Gebärende überhaupt | |
| 1910 | 2667 | 5864 | 316 | 371 | 2983 | 6235 |
| 1911 | 2581 | 5835 | 301 | 375 | 2882 | 6216 |
| 1912 | 2546 | 5779 | 334 | 354 | 2886 | 6133 |
| 1913 | 2482 | 5497 | 327 | 355 | 2819 | 5852 |
Nach solchen Ziffern muß man sich fragen, was für eine Ausrede können noch die Schönfärber erfinden, um die klare Lage der Dinge zu verleugnen und zu verwischen?
Das Bild wäre noch eindeutiger, wenn nicht die Einwanderung fortpflanzungsfreudiger Ostjuden die völlige Auflösung verhinderten. Segall selbst hat für München vom Jahre 1894 bis 1905 nachgewiesen, daß 70% der Kinder von auswärts beheimateten Eltern stammten und er selbst schloß auf einen höheren Anteil der Ausländer! Das Rabbinat und die Aufzeichnungen des Münchener Mohels haben mir auch eine ungebührlich hohe Nachwuchsziffer von ausländischen Müttern angegeben.
Für Groß-Berlin entnehme ich der Zeitschr. f. Statistik d. J. (10. Jahrg. Heft 9/10) einer Zahlenkompilation Segalls eine brauchbare Ziffer. Danach waren 6-15 Jahre alte jüdische Kinder: