Segall gibt in seiner „Andacht zum Unbedeutenden” wie einmal A. W. Schlegel sich ausdrückte, das von amtlicher Stelle gesammelte Material in hundert Aufsätzen und Arbeiten, aber er verwirrt nur die Probleme mit seinen Kommentaren. Er kompliziert die einfachsten Vorgänge.

Segall genügt nichts. Er sieht die Ziffern der Eheschließungen, Ehelosen, der Geburten, ihr Verhältnis zu den Eheschließungen. Nichts genügt ihm, der Geburtenrückgang erscheint ihm nicht wissenschaftlich belegt. Nur die Fruchtbarkeitsziffer könne bezeugen, ob tatsächlich die Kinder bei den Juden weniger wurden. Zum Unglück aber könne man diese Ziffer nicht bekommen. Wie steht es nun wirklich mit diesem seltenen Schlüssel, der allein uns das Rätsel lösen könnte. Diese Fruchtbarkeitsberechnung geht von dem Gedanken aus, die Zahl der Geburten an den Frauen zu messen, die gebärfähig sind, also an allen Mädchen und Frauen vom 15. bis 50. Lebensjahre. Jacob Segall benutzte eine Auszählung, die er nur an den Münchener Ehefrauen anstellte. Diese Arbeit ist natürlich nur eine halbe Sache. Die Fruchtbarkeit hängt nicht nur von verheirateten Frauen ab, sondern von allen weiblichen Wesen, also auch von ledigen ohne Kinder. Ist der Prozentsatz der Ledigen gering, so kann eine mäßige eheliche Fruchtbarkeit noch genügenden Nachwuchs liefern, ist die Ziffer der Ledigen mit Kindern groß, so könnte auch eine mäßige eheliche Geburtenziffer die Größe des Nachwuchses nicht beeinträchtigen. Alle diese Zwischenfragen werden überflüssig, wenn wir die Fruchtbarkeitsziffer an allen weiblichen Individuen ermitteln.

Aber selbst die Entwicklung der ehelichen Fruchtbarkeit in München müßte einem Statistiker zu denken geben, denn das ist ja eben das wesentliche an dieser Untersuchungsmethode, daß sie sich frei macht von der Besetzung der einzelnen Jahresklassen, daß sie die Einflüsse der Abwanderung gebärfähiger Elemente paralysiert und ein wirkliches absolut einwandfreies Bild der Zeugungslust abgibt. Nach den Segallschen Zahlen habe ich diese jüdische eheliche Fruchtbarkeit zusammen gefaßt. Sie beträgt in München

Im Durchschnitt d. Jahre Geburten
1875/76222
1877/82170
1883/80122
1891/99112
1900/05 107,5

Glaubt Segall wirklich, daß dieser rapide Geburtensturz der Münchener Jüdinnen eine in Deutschland singuläre Erscheinung darstellt? Da er mir vorwarf, daß ich die Fruchtbarkeitsberechnung nicht für andere Gegenden aufstellte, kam ich seinen Vorhaltungen nach und habe eine einwandfreie in der citierten Preisarbeit über die Berliner Juden niedergelegt.

Meine Berechnungen wenden sich nicht nur an die gebärfähigen Ehefrauen, sondern berücksichtigen, wo es logisch ist, alle fruchtbarkeitsfähige weibliche Wesen. Es wäre ein leichtes, auch wenn die offizielle Statistik diesbezüglich versagt, diese Ziffern für andere jüdische Gemeinden nachzuprüfen.

Es trafen auf 1000 verheiratete und ledige weibliche Personen im Fruchtbarkeitsalter Geburten bei der

preuß. Bev. Berliner Bev. bei d. Jüd. Berlins
1880105100,8
1895 96 67,5
1900 84 60,8
1905ca. 150-160 76 56,8
1910 48,6
1911/1440-45

Eingehendere Ziffern sind a. O. gegeben. Im Jahre 1910 fanden sich in Berlin 25742 Jüdinnen im Alter von 15-50 Jahren. Ihre Geburtenziffer in 1100 ehelichen jüdischen und 100 unehelichen und ca. 50 jüdischen Kindern aus Mischehen (die biologische Fruchtbarkeitsziffer der Jüdinnen ohne Rücksicht auf die Kindererziehung war dementsprechend 50,5).