„Dies dürfte vielleicht damit zusammenhängen, dass die Juden in der jüngsten Zeit auf dem Weg über den Kapitalismus zur Landwirtschaft gelangen; der Kapitalismus aber hat seinen Sitz in den Grossstädten.”
Vielleicht meint Segall mit diesem Kapitalismus der Großstädte die reichen Grossgrundbesitzer, die in den Städten wohnen. Es handelt sich allerdings um diese, und um Gärtnereibesitzer und Angestellte, Besitzer von Molkereien und Milchwirtschaften. Der ausgesprochene enorme Rückgang der männlichen Angestellten und Arbeiter in der Landwirtschaft zeugt nicht davon, dass die Juden über den Kapitalismus auf dem Anmarsch zur Landwirtschaft sind. Wenn auch vereinzelte die Landwirtschaft in den Großstädten betreiben, so verschwinden sie und berühmten Rittergutsbesitzer gegenüber den kleinen Landjuden, die ihre Wirtschaft aufgaben.
Der Friedensschluss von Versailles nimmt den deutschen Juden zwei wertvolle Gebiete, nämlich Elsass-Lothringen und die Ostmark. In beiden fanden sich noch Reste jüdischer Landbevölkerung. —
Alle Untersuchungen ergeben das Einströmen der Juden in die freien Berufe und in die Industrie. 1905 waren unter den preussischen Studenten 7% reichsinländischer Juden (Blau) bei 1% ihres Volksanteiles. Wenn auch viele Akademiker in eine wirtschaftliche Notlage kommen, so entstehen dadurch nicht echte Proletarier mit den Gewohnheiten dieser Klasse, sondern Zwittermenschen, die mit ihren Ansprüchen in der Welt der oberen Zehntausend sich befinden, mit ihren Einnahmen womöglich unter den Arbeitern rangieren. Diese Klasse von Enterbten stellte das höchste Prozent von Ledigen und neigt zur Taufe, weil sie von ihr Wunder erwartet oder führt zu einer Mischehe, weil die jüdischen Gesellschaftskreise den wirtschaftlich unsicheren Kantonisten ihre Töchter nicht anvertrauen.
Die Verpflanzung der Juden in die Handels- und Industriecentren bringt die Juden einander näher und reißt sie auch wieder wirtschaftlich auseinander. Eigenart, Ueberlieferung und ökonomische Voraussetzungen lassen sie gewisse Berufe bevorzugen. Antisemitische Beschränkungen, die ihnen vielfach andere Berufsgelegenheiten nehmen, tun ein übriges und so ist es ein Selbstverständliches, daß sich in der deutschen Judenheit wieder gewisse Domänen und Typen (des jüdischen Konfektionärs, des Agenten, des Anwaltes und des Arztes) herausbilden. Die jüdische Note und Eigenart läßt sich auch in anderen Berufen nachweisen (Warenhäuser, Pelzhandel, Tabakgeschäft, selbst in der Presse). Eines der jüdischen Merkmale ist der Zug des Individualismus, die Sucht sich selbständig zu machen, sowie der Drang, eine materiell möglichst günstige Lage zu erreichen. Nach der statistischen Aufnahme in Berlin im Jahre 1871 (citiert bei Nossig, Materialien z. Stat. d. jüd. Stammes, Wien 1887) ergaben sich schon
| unter | Adeligen | Juden | evang. | Kath. |
| 100 Arbeitgebern | 90,2 | 71,9 | 38,1 | 36,9 |
| 100 Arbeitnehmern | 9,8 | 28,1 | 61,3 | 63,1 |
Die bayrische Statistik kommt zu denselben Ergebnissen. In dem industriellen Sachsen dagegen fand sich ein geringerer Anteil selbständiger Juden. Trotzdem waren sie unter den Selbständigen immer noch dreimal so stark wie die Katholiken vertreten. In Preußen waren von hundert Erwerbstätigen in der Industrie 5,6 Juden. Unter den Selbständigen waren es jedoch 11,4%. Sombart hat berechnet, daß sie zu 13% die Direktorstellen der Industriegesellschaften besetzen und als 24% der Aufsichtsräte erscheinen. Dieser Aufstieg hat neuerdings scheinbar einen Stillstand erfahren. Entweder sind die Juden gesättigt oder genügsamer geworden. An dem Einströmen in den Beamtenberufen, (1895 gab es im Eisenbahn- und Trambahnbetrieb nur 117 Juden unter 231688 Angestellten) können wir diese Erscheinungen nicht genügend feststellen, da äussere Widerstände ihr Aufgehen in diesen Beruf verhindern. Die antisemitischen Einschränkungen verursachen daher die wiederkehrende Zusammendrängung in einzelnen Berufen und begünstigen die Auswirkung ihrer Eigenart.
Am stärksten aber wird die soziale Eigenart umgewälzt und erschüttert durch das Auftreten der erwerbstätigen jüdischen Frau.
Ursprünglich war ihre Arbeit auf Haus und Hof beschränkt. 1882 fanden sich 16% aller jüdischen weiblichen Personen berufstätig, 13 Jahre später 22%, gegenüber 26,4% der Christinnen, 1907 bereits 24%. Die Zahl der erwerbstätigen jüdischen Frauen, d. h. der Mädchen und Ehegattinnen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Da wir in der Statistik nach Sundberg mit 50% der Bevölkerung im reifen Alter rechnen, waren 1907 bereits die Hälfte aller Jüdinnen im erwerbstätigen Alter berufstätig. Die Unterhaltkosten der Familien werden immer kostspieliger, die Aussichten für die Ehe geringer, so daß bei allem Wohlstand der Juden jede Familie, die nicht unter ihr Niveau sinken will, einen gewissen Kampf mit den Verhältnissen aufzunehmen hat. Viele jüdische Mädchen erlernen heute auch einen Beruf, damit sie nicht mehr beim Staubabwischen der väterlichen Wohnung auf den Freiersmann zu warten brauchen ...