„Die Zeit,” schliesst Henriette Fürth eine Untersuchung über Erwerbstätigkeit und Berufswahl der jüdischen Frau „in der das Biederweib der Bibel als Königin und Herrin am heimischen Herd waltete, ist auf ewig dahin. Das Paradies, das besonders wir Juden in dieser Form besassen, ist und bleibt uns ewig verloren.” Henriette Fürth verspricht sich dafür Ersatz in neuen Lebensformen.
Die Berufstätigkeit der Frau bedingt eine vollkommene Umwälzung der Denkungsweise der Jüdinnen. Auf keinen Fall wird das vorher berufstätige Mädchen, das in der Großstadt eine glänzende Ausbildung genossen hat, im Kreise aufgeweckter Kameradinnen verkehrte und durch die Anschauung des großstädtischen Lebens gegangen ist, eine ungehemmte Fruchtbarkeit entfalten. Sie, die die Unannehmlichkeiten gehäufter Schwangerschaften vom pekuniären Standpunkt wie vom persönlichen übersieht, weiß sich immer mehr in die Zeit zu schicken. Die Spätehe mit allen ihren Folgen und Voraussetzungen ist kinderarm. Aber auch die Frühehen, die heute geschlossen werden, bescheiden sich.
Es ist eine allgemein beobachtete Erscheinung, daß die Geburteneinschränkung gerade bei den wohlhabenden Kreisen einsetzt und später erst die Aufklärung zu den niederen Schichten der Bevölkerung dringt. Es ist übrigens falsch, von den wohlhabenden Leuten eine größere Geburtenfreudigkeit erwarten zu wollen. Da sie entsprechend größere Bedürfnisse haben, mehr Luxus und Aufwand treiben und ihre Kinder am liebsten noch wohlhabender werden lassen möchten, so besteht bei ihnen die fortwährende Angst, durch zu reichen Kindersegen zu verarmen. Wer erst einmal in die Kreise des Kapitalismus geriet, den erfaßt der auri sacra fames und läßt ihn nicht mehr los. Für die Juden war die Erfassung des Geldes als Machtfaktor und Lebensidol geboten.
Im Zeitalter des Rationalismus wurde ihr Losungswort „Business as usual”. Die deutsche Judenheit wurde der Vorposten der neuen Zeit, das Amerikanertum im alten Europa. Dies und vieles andere erklärt die folgenden Statistiken.
Ueber den Volkswohlstand der Berliner Juden (ohne die westlichen Vororte) brachte ich eingehendes Material in meiner Preisarbeit. Ich wiederhole hier einige der Ziffern:
Es betrug das Steuersoll der Stadt Berlin in Mark
| 1895 | in % | 1904/05 | in % | pro Kopf versteuerten | |
| bei den | 1895 | 1905/06 | |||
| Evang. 11456605 | 61,3 | 19005042 | 61,2 | 138,7 | 132,9 |
| Kath. 776970 | 4,2 | 1589473 | 5,0 | 110,6 | 111,9 |
| Juden 5924431 | 31,7 | 8554329 | 30,3 | 317,2 | 357,4 |
| 18676532 | 100,0 | 31568882 | 100,0 | 166,9 | 165,8 |
Eine bei Nossig zitierte Breslauer Statistik des Jahres 1874 läßt sich in drei Steuerstufen zusammenfassen. Danach gab es unter 100 Breslauern
| Arme | mittlere | reiche | |
| Juden | 36 | 48,8 | 15,2 |
| Christen | 85,2 | 12,9 | 1,9 |
Nach Sombart war der prozentuale Anteil der Juden