In jener Zeit dürfte die Sitte des Kaddischsagens aufgekommen sein, jene religiöse Ceremonie, die der älteste Sohn zu Ehren der verstorbenen Eltern ein Jahr lang täglich verrichtet. Und die Vorstellung keinen Kaddisch, d. h. keinen Sohn zu besitzen, der die Trauergebete verrichten kann, hatte für jeden Juden noch bis in unsere Tage etwas ungemein schmerzliches. Viele Gesetze gehen von derselben Voraussetzung aus, so daß jede Ehe nach 10jähriger Kinderlosigkeit (auch von Seiten der Frau) gelöst werden konnte. In der einschlägigen Literatur von Nossig (Einführung in das Studium der sozialen Hygiene 1894), in der Talmud-Archaeologie von Krauß, bei Nordin u. a. finden sich noch weitere wertvolle Beiträge.

Ben Assaj, ein weißer Rabe unter den großen Lehrern in Israel, blieb allerdings selbst unvermählt, empfahl aber gleichwohl die Fruchtbarkeit. Warum Ben Assaj nicht heiratete, ist unbekannt. Es liegen sicher ganz besondere Gründe vor. Gleichwohl war er der Gegenstand späterer Diskussionen, in denen es heißt: „Ben Assaj lehrt wohl schön, aber er handelt nicht gut.”

Und wie wäre es auch anders möglich gewesen in der Ideenwelt von Menschen, die das ganze Sexualleben so genau festgelegt wissen wollten, daß nicht nur Verlobung, Hochzeit, Scheidung in den feinsten Einzelheiten gesetzlich geregelt waren, daß selbst für Form und Häufigkeit der intimsten menschlichen Beziehungen Weisungen und Gebote existierten. Wie weitgehend der Gedankengang fortgesponnen wird, beweist die Erzählung Abbas ben Papa (Pappaj) (cfr. Bacher Pat. ann. III. S. 650), Josua sei mit Kinderlosigkeit bestraft worden, weil er Israel eine Nacht lang an der Fortpflanzung gehindert habe.

Schriftliche und mündliche Lehre, Tradition und Volkssitte bemühten sich in allem nicht nur, die normale Fruchtbarkeit des einzelnen Individuums zu gewährleisten, sondern die Fortpflanzung auf das Höchstmaß des Möglichen zu steigern. Die vielen Aderlässe, die blutigen und unblutigen Opfer, die Abfall und Vermischung bedingten, konnte die Judenheit nur deshalb glücklich überstehen, weil die Gedankengänge, die der Gesamtheit ewiges Leben verhießen, jeder einzelnen Familie ihren sicheren Bestand sicherte. Das System war auf der richtigen Voraussetzung aufgebaut, daß jedes Glied der Gemeinschaft an der Erhaltung der Art in der völkisch zweckdienlichsten Weise gebunden und ohne Rücksicht auf seine eigenen Interessen bis aufs äußerste beteiligt ist.

So war das ganze Liebesleben der Juden darauf abgestimmt, dem großen nationalen Gedanken, dem überragenden Begriff vom immanenten Bestehen der Nation die realen Grundlagen zu liefern. Die Fruchtbarkeit und Sicherstellung der einzelnen Familie ist nur die Basis einer großzügigen Volksidee.

Die Propheten sind in diesem Sinne die geschickten Redakteure eines auf das ganze Volk gerichteten Optimismus, des hoffnungsvollen Zukunftsglaubens, der sich eng an alle anderen entwicklungsfreudigen Ideen angliedert.

„So spricht der Ewige, der bestellt hat die Sonne zum Licht bei Tage, die Scheibe des Mondes zu leuchten in der Nacht, der das Meer aufwühlt, daß seine Wellen brausen, Adonai Zebaoth ist sein Name. Eher werden diese Gesetze aufhören, ehe daß der Same Israels aufhören wird ...”

So kündigt Jeremia und stempelt sein Volk zum Gewissen der Völker, zum Zeugen für die Nationen. „Wie man des Himmels Heer nicht zählen, noch den Sand am Meere messen kann, also will ich mehren den Samen Davids, meines Knechts und die Leviten, die mir dienen.” (siehe Kapitel 31 bis 33). Auch im höchsten Zorne sehen die Propheten Israel nicht der Vernichtung anheimfallen, immer wieder verheißen sie die Rettung und Aufrichtung aus tiefem Fall. Und gleichsam ist die Geschichte dieses hartnäckigen Volkes die Illustration zu den seherischen, den gequälten Herzen entspringenden Ankündigungen u. a. zum ausklingenden Midrasch zu Psalm 36: Völker stehen auf und verschwinden, aber Israel bleibt ewig.

Heute orientieren wir uns und formen unsere Ueberzeugung nicht nach religiösen Prophezeiungen; aber die Wissenschaft hat ihnen bisher Recht gegeben. Nossig, der Altmeister der jüdischen Statistik, erklärte noch um die Zeit der Jahrhundertwende in dem Standard Werk der „jüdischen Statistik” (eine Auffassung, die er schon in seinem glänzenden Werke „Einführung in das Studium der sozialen Hygiene” vertreten hatte):