Ernst Müller

Es verlohnt sich seinem Leben nachzuspüren. Ernst Müller war zu Kriegsbeginn cand. med., und da er gedient hatte, gehörte er eigentlich zum Sanitätsdienst als Sanitätsunteroffizier, da er die Gefreiten-Qualität hatte. Er begnügt sich als Gefreiter in der Font mitzumachen. Sein Humor bleibt jeder Zeit unverwüstlich. Nach 1½ Jahren Krieg, nach vielen schweren Erlebnissen, schreibt er den Freunden in der Salia:

»Der Krieg fängt wieder an. Das ist erfreulich«, und unter dem 22. II. 16 weiter: »Die Stimmung hier ist unentwegt zuversichtlich und zukunftsfroh«. Vorher hat er die wertvolle bayerische Auszeichnung, das Militärverdienstkreuz 3. Klasse mit Kronen erhalten.

Zu Beginn des Jahres 1916 kommt er in Schleißheim bei den Fliegern an, wird ausgebildet und der Feldfliegerabteilung überwiesen.

Im September läßt er sich wieder einmal vernehmen. Er fliegt jetzt in den Brennpunkten der Kämpfe, zuletzt bei Verdun. »Was man sieht und hört, ist außerordentlich interessant, eignet sich leider nicht zur Mitteilung. Mir gefällt meine Tätigkeit sehr gut«. Einige Zeit später:

»Bei einigermaßen ausreichendem Wetter wird viel geflogen. Meine Staffel bekam heute für einen feinen Flug nach Nancy am 4. 10. (bei dem ich auch einen Luftkampf mit zwei Franzosen hatte) die höchste Anerkennung des Kronprinzen ausgesprochen. Wir sind als Etappenflieger überall hin bekannt, weil wir beim Fliegen weit in der französischen und sonst weit hinten in der deutschen Etappe herumtollen. Ich bin Kasinovorstand und habe viel mit Küche und Keller zu tun. Dieser Tage zum Beobachter-Abzeichen eingegeben. Also es ist eine Lust zu leben. Heute gehts nach Vadelaincourt südlich Verdun, um Flugplatz und Ausladebahnhof der Franzosen etwas aufzumuntern. Aber sonst gehts mir famos.«

Eines Tages aber blieben seine Briefe aus. Dafür kamen die seines Staffelführers, des Oberltn. Schwenden u. a. Offiziere. Sein Vorgesetzter schrieb dem Vater:

Am 11. Nov.: Euer Hochwohlgeboren wurden bereits telegraphisch verständigt, daß Ihr Herr Sohn Ernst von einem Erkundungsflug am 9. XI. nicht zurückgekehrt ist. Es drängt mich, zumal Ihr Herr Sohn als Beobachtungsoffizier bei der Staffel ganz hervorragenden und vorbildlichen Schneid zeigte und eine meiner besten Stützen war, Euer Hochwohlgeboren soweit als mir möglich über die ganze Sache aufzuklären. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen durch diesen Brief schwere Stunden bereiten muß. Wir alle hoffen zuversichtlich, daß Ihr Herr Sohn in französische Gefangenschaft geraten ist und daß in einigen Wochen Ihr Herr Sohn selbst Nachricht aus Frankreich gibt. Wolle Gott, daß wir in Kurzem die ganze Gewißheit erhalten, daß Ihr Herr Sohn noch am Leben ist. Das wünsche ich nicht nur Ihnen als Vater, sondern auch ihm, der stets bereit war, sein Alles einzusetzen für sein Vaterland. Die Dankbarkeit für Ihren Herrn Sohn wird mich jederzeit bereit finden, mich Euer Hochwohlgeboren stets voll und ganz zur Verfügung zu stellen.

Vom 16. Nov.: Mit einem Worte, das Schicksal Ihres Herrn Sohnes und meines trefflichen Beobachters ist noch vorläufig in vollkommenes Dunkel gehüllt. Wir wollen uns nicht selbst betrügen, sogern ich dies tun würde, um nicht an den eventl. Tod meines Beobachters, der mir durch seine hervorragenden soldatischen Eigenschaften so sehr ans Herz gewachsen war, glauben zu müssen. Mit Spannung wartet die Staffel auf die Nachricht, die aus der Schweiz eintrifft. Wir wollen die Freundspflicht zu unserer verlorenen Flugzeugbesatzung dadurch in den nächsten Tagen erfüllen, daß wir durch Abwurf aus dem Flugzeug bitten, die Franzosen möchten uns das Schicksal dieser Besatzung mitteilen. Bisher hinderte uns das schlechte Wetter daran. Aus Ihrem Briefe entnehme ich, daß Ihr Herr Sohn Ihnen von den Erfolgen meiner Staffel berichtet hat. Meinen ganz vortrefflichen Offizieren hatte ich dies zu verdanken. Um so eher werden Euer Hochwohlgeboren verstehen, wie mein Herz an jedem einzelnen hängt und wie schwer mir besonders dieser Verlust ankommt. Darf ich Euer Hochwohlgeboren daher nochmals bitten, unsere gegenseitigen Kräfte zu vereinen, um möglichst bald Klarheit und hoffentlich freudige Klarheit in das bisherige Dunkel zu bringen.

Vom 6. bayer. Kampfgeschwader, der Kampfstaffel, kamen noch weitere Briefe, deren wichtigste wir anführen müssen, um die Geschichte zu Ende zu erzählen: