Am 10. XII.: Soeben von einer dienstlichen Reise zurückgekehrt, stellen mich Ihre beiden Briefe leider vor die traurige Tatsache, daß Ihr Herr Sohn Ernst und mein trefflicher Beobachter den Heldentod gefunden hat. Die ganze Staffel wird hierdurch mit mir in die aufrichtigste Trauer versetzt. Wir alle möchten Ihnen und Ihrer hochgeschätzten Familie unser allertiefstes und inniges Beileid aussprechen für den schweren Schlag, der Sie durch den Heldentod meines einzig schneidigen Beobachters und unseres lieben, teuren und heiteren Kameraden getroffen hat. Meine wie zu Eisen geschmiedete Staffel, durch Bestehung gemeinsamer Gefahren, hat durch den Tod Ihres Herrn Sohnes eine tiefe, nur schwer zu reparierende Scharte erlitten. Mir persönlich stand er durch seinen vorbildlichen Schneid und sein offenes, gerades und heiteres Wesen besonders nahe. So wie sein Wesen, war auch sein Ende ehrenvoll. In der Verkörperung des frischen draufgängerischen Fliegergeistes hat er im offenen ehrlichen Kampf sein junges Blut seinem Vaterland geopfert. Lassen Sie mich Ihnen, dem so schwer geprüften Vater, meinen und unseren Dank aussprechen dafür, was er Hervorragendes geleistet hat, mir, seinem Staffelführer, und besonders seinem großen Vaterland. Sein Geist wird um uns sein und uns anspornen, es ihm gleich zu tun, d. h. unser Bestes, das Leben dem Vaterland freudig wie er zu opfern. Wir aber werden nicht aufhören, ihm auch nach seinem Tode die Treue zu bewahren, die er uns gezeigt hat. Auf unseren Abwurf hin ist leider von Seiten der Franzosen noch nichts erfolgt. Die Franzosen sind dafür nicht zu haben. Auch kommt nie ein Franzose hinter unsere Linien bei Verdun. Zur Beruhigung von Euer Hochwohlgeboren werden wir es jedoch noch ein zweites Mal versuchen. Beide wurden wahrscheinlich im Luftkampf schwer getroffen, mußten drüben niedergehen und starben in einem Lazarett in Verdun. Abgestürzt können sie nicht sein, denn sonst hätten sie schon tot am Boden ankommen müssen. Der einzige Weg zu weiterer Ermittlung bleibt der von Euer Hochwohlgeboren vorgeschlagene. Wir werden jedoch nichts unversucht lassen, um durch Abwurf oder durch Gefangenenaussagen Näheres herauszubringen. Die Erlaubnis von Euer Hochwohlgeboren voraussetzend, habe ich die Todesanzeige in die »Frankfurter Zeitung« setzen lassen. Wenn es mir irgend wie möglich ist, stehe ich Euer Hochwohlgeboren jederzeit bereitwilligst zur Verfügung. Für meinen braven Beobachter ist mir kein Dienst zu schwer. Möge Ihnen und Ihrer hochgeschätzten Familie der Gedanke, daß Ihr Herr Sohn seinen Lebenszweck durch seinen Heldentod für's Vaterland auf das Ruhmvollste erfüllt hat, über diese schweren Stunden hinweg helfen. Neben der Trauer muß der Stolz auf den gefallenen Sohn ausgleichend wirken.

Und am 16. XII.: Soeben erfahre ich Näheres über die Ursachen des Todes und über den Tod Ihres Herrn Sohnes selbst. Gestern wurde bei Pont-à-Mousson ein Nieuport zur Landung gezwungen. Insasse: 1 französ. Kapitain. Er sagt aus: »Ich war gerade in Verdun, als das Flugzeug Bemsel-Müller abgeschossen wurde. Der Walfisch griff einen Farman an über der Zitadelle von Verdun. Das deutsche Flugzeug bemerkte anscheinend einen dem Farman zu Hilfe eilenden Nieuport nicht. Nach kurzem Kugelwechsel ging die deutsche Maschine nieder, um wahrscheinlich auf einer Wiese westlich der Zitadelle zu landen. In 100 Meter Höhe stürzte das Flugzeug plötzlich senkrecht ab. Die beiden Insassen hatten Bauchschüsse und starben noch ehe sie hätten abtransportiert werden können. Sie wurden im Militärfriedhof von Verdun beerdigt. Der Herzog von Connaught, der sich zufällig in Verdun befand, hat das Maschinengewehr an sich genommen als Andenken. Ein französisches Flugzeug hat eine Meldung über das Geschick der Besatzung abgeworfen.« Soweit die Aussagen des Franzosen.

Nachträglich kommen noch zwei Zuschriften: Die eine betrifft den Königl. Erlaß, wodurch unter dem 17. 11. der Bayerische Militär-Verdienstorden 4. Klasse mit Schwertern ihm verliehen wurde. Der Umtausch dieses Ordens war Ernst Müller schon früher angeboten worden. Er war aber stolz auf seinen Unteroffizierorden und gab ihn nicht heraus.

Schließlich wurde auch noch die Kapsel gefunden. Man schrieb den Eltern:

Wir haben jetzt noch den franz. Text, eine Abschrift von der französischen, aus einem Flugzeug abgeworfenen Meldung, bekommen.

»Vom Heldentod unseres lieben Müller.« Folgende Nachricht der Franzosen wurde am 26. Dezember von den Deutschen gefunden, soll aber einige Tage nach dem Unglück abgeworfen sein:

Le 9 novembre 1916; le lieutenant Ernst Müller et le sous-officier Christian Bemsel, pilote, ont èté abattus sur Verdun et enterrés en ce lieu avec les honneurs militaires. Ils se sont battus heroique ment.[2]

[2] Uebersetzung: Am 19. 11. 16 fielen der Ltn. Müller und Flugzeugführer Untrffz. Chr. Bemsel. Sie wurden an Ort und Stelle mit militärischen Ehren bestattet. Sie haben wie Helden gekämpft.