Dr. H. Bettsak
Am 20. November 1914 kommt er aus der Garnison ins Feld. Schon am 22. schreibt er seinen Eltern folgenden unruhigen Brief:
»Ich muß gestehen, daß mich die Tatenlosigkeit, zu der wir hier vorläufig verdammt sind, schon jetzt zu quälen beginnt. Die wilde Romantik der Vogesenberge, der Donnerhall der Geschütze, so manche kreuzgeschmückte Infanteriebrust stimmen uns junge Burschen naturgemäß kampflustig. Es ist auch ein eigenes Gefühl, den Feind kurz vor sich zu wissen und nicht an ihn heranzukommen. Freilich haben die Bayern und Badenser, die hier oben in sichern Stellungen liegen, sich ihre Ruhe teuer erkaufen müssen. Die Geschichte der Vogesenkriege ist vielleicht dereinst — das habe ich schon mit eigenen Augen sehen können und von den alten Leuten, die die Sache von Anfang an mitgemacht haben, des weiteren erfahren — das blutigste und grausigste Kriegserlebnis, von dem der Chronist zu berichten hat. Hier steht auf grünen Matten Grabmal an Grabmal. Hier ist das ruhmreiche Regiment der Chasseurs alpins, eines der besten französischen Regimenter, fast völlig von den maßlos wütenden Bayern, die nur noch mit Stilett und Gewehrkolben gearbeitet haben, aufgerieben worden. Auch auf unserer Seite sind ganze Kompagnien verschwunden. Ich bin sozusagen nach der Mahlzeit hierher gekommen. Wir sowohl wie die Franzosen haben uns derartig raffiniert verschanzt und eingegraben, daß wir nicht mehr rückwärts, aber auch nicht vorwärts können. Wir halten hier nur die Wacht, um den Elsaß vor neuen Einfällen zu bewahren. Gewiß werden auch noch jetzt hier und da größere Patrouillen gemeldet, um die Wälder nach Versprengten abzusuchen, aber alles in allem haben wir hier doch Frieden im Krieg. Doch der Kriegsgott ist wetterwendisch, vielleicht kommen wir irgendwie bald vorwärts ...«
Laitre (Vogesen), 4. 12. 14.
In Moussey hat's mich nicht lange gelitten. Immer nur hinter dem Feind zu sein, seine Granaten und Schrapnells über dem Kopf zu hören, ohne an ihn ran zu können, im Felde zu stehen, ohne jemals einen Franzosen gesehen zu haben, ist auf die Dauer nerventötend. Ein seltsamer Zwischenfall hat mich aus dieser reizlosen Lage befreit. Wir saßen gerade Mittwoch beim Abendtisch, als die Regimentsordonnanz mit der Meldung eintrat, daß unsere jungen Husarenoffiziere, die hinter der Front in Ruhe und Wohlleben sich ergingen, schon am nächsten Morgen zur Front aufzubrechen hätten, um an die einzelnen Infanteriebrigaden, die auf den Vogesenkämmen in Schützengräben den französischen Stellungen gegenüber liegen, zugeteilt zu werden. Sofort bat ich einen der Herren, Leutnant Gropius, der sich im übrigen als Architekt einen hervorragenden Namen geschaffen hat, sich auch im Kriege äußerst tüchtig auf Patrouillenritten bewährt hat und ein sehr feinsinniger Mensch ist, mich als Ordonnanz mitzunehmen. Er ging sofort zum Rittmeister aufs Schloß und dieser erteilte mir freundlichst seine Erlaubnis. Die Sache hat mir, nebenbei gesagt, die Knöpfe eingebracht. In der Nacht packte ich also in Ruhe meine Sachen in die Packtaschen, und Donnerstag früh begann der Aufbruch zur Front. Ich habe an diesem Tage prächtige, mir unvergeßliche Eindrücke gehabt. Die imposantesten Kriegsbilder sind an meinen Augen vorbeigezogen. Es war ein finsterer gewitterschwerer Tag. Ueber die Vogesenkämme ging der Ritt durch zerschossene Dorfschaften hindurch. An den Seiten überall verlassene französische Schützengräben, Granatlöcher, Waffenstücke. Stellenweise mußten wir absitzen, da die Chaussee von franz. Mitrailleusen beschossen wurde. Durch enge Hohlwege mußten wir unsere ängstlich zitternden Gäule führen. In ...... hatten wir uns beim Brigadekommandeur zu melden. Mein Lt. erhielt den Auftrag, zunächst nach Ch. zu reiten und dort bei Ausbruch der Dunkelheit in unsere Stellung hier oben hinaufzugehen. So ritten wir also nach Ch. weiter. Der Ort bot einen ebenso unheimlichen wie reizvollen Anblick. Er besteht eigentlich nur noch aus Löchern, die unsere und die französischen Granaten, lauter Volltreffer, in die Häuser dieser Aermsten geschossen haben. In Ch. mußten wir unsere Pferde zurücklassen. Damit habe ich aufgehört, Kavallerist zu sein. Nun bin ich Infanterist geworden, und — wie ich gleich verraten will — mit Leib und Seele. Als der Abend dunkelte, wurde ein Wagen angespannt, der uns und unser Gepäck in die Berge zur Stellung fahren sollte. Es war ein wundervoller Abend. Silberner Mondschein überspielte die Abhänge und Waldungen. Ab und zu fiel ein Schuß von den französischen Posten jenseits des Waldes, der wohl das Knarren der Wagenräder gehört hatte, zu uns herüber. Vor einem verfallenen Hause machte der Wagen halt und lud uns aus. Eine Ordonnanz empfing uns und führte uns durch geheimnisvolle Unterschlüpfe und überdeckte Wege hinauf nach L., zum Standquartier meines Bataillons. Hier empfing uns der Major, ein äußerst liebenswürdiger Bayer und behielt uns gleich zum Abendessen bei sich. Ganz besonderes Interesse wandte er mir zu, weil er Gefallen daran fand, daß ich mich als Kavallerist freiwillig zur Infanterie gemeldet hatte. Er nennt mich immer nur den »kleinen Doktor«, erkundigt sich fast täglich, ob mir meine Mutter auch schon geschrieben hat usw. Die Nacht brachte ich dann in einem der grandios hergestellten Unterstände zu, jenen unterirdischen Bretterhäusern, die gegen Wind und Wetter wie feindliches Feuer vollkommen geschützt sind.
Am nächsten Morgen meldete ich mich bei meinem Hauptmann Nagelsbacher. Laßt Euch sagen, daß dieser Mensch, dem ich erst zwei Tage lang in seine blauen Kinderaugen geschaut habe, der Inbegriff aller Mannestugenden ist. Auf einem hochgewachsenen Körper sitzt ihm ein edles vollendet schönes Gesicht, glattrasiert, stark an Matkowsky erinnernd. Das ist der Mann, von dem mir seine Bayern erzählten, daß er im ärgsten Kugelregen sich gemütlich seine Pfeife angezündet hat, der in grenzenloser Wut über die Rothosen hergefallen ist. Das ist aber auch der Mann mit dem Kinderherz, der es nicht über sich gewinnt, seinen Leuten die kleinste Bequemlichkeit zu verweigern. Mit hervorragender Intelligenz verbindet sich bei ihm eine feinsinnige Bildung. Die Stellung, die er hier oben hat anlegen lassen und die von eminentem strategischen Wert ist, weil wenn sie durchbrochen wird, die Franzosen wieder im Elsaß stehen, ist ein Meisterwerk. Sie besteht nicht etwa aus offenen Schützengräben, sondern aus überdeckten Erdwällen, lauter kleinen Sandhäusern, in denen immer zwei Mann Deckung haben. Alles habe ich besichtigt: die fast undurchdringlichen Stacheldrahtverhaue, Läutewerke usw.
Gleich am ersten Tage meines Hierseins bin ich mit auf Patrouille gewesen bis 10 m an den Feind heran. Nur eine kleine Waldlichtung trennte uns von der ersten französischen Schützenlinie. Das war ein Feuerregen! Ein Glück für alle deutschen Mütter, daß die Franzosen so gemein schlecht schießen. Seit den acht Wochen, wo die Bayern hier sind, ist von ihnen trotz des täglichen Schußwechsels nur ein Mann durch eigene Unvorsichtigkeit abgeschossen worden. Gestern hat die Blase mit Gebirgsartillerie in unsere Stellung hineingefunkt. Wir saßen gerade beim Kaffee, als der Spektakel losging. Was ist geschehen? Der Erdboden ist um einige Granatlöcher reicher geworden! Ein Vivat unserer deutschen Befestigungskunst!
Das Schießen gehört bei den Franzosen zum täglichen Leben. Während auf unserer Seite tagelang kein Schuß fällt, weil nur geschossen werden darf, wenn vom Feinde etwas zu sehen ist, funken die Kerle uns ununterbrochen in die Bude. Wir haben ausgerechnet, daß einer vom Walde her jeden Tag um die nämliche Nachmittagsstunde in die blaue Luft hineinpufft. Er ist von den Bayern allgemein der »Sepp vom Walde« geheißen.
Laitre, 11. 12. 14.