Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von Bern ihrer warten sollte.
Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vor[pg 395]bereitungen starkem Sinn gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte.
»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz, »ist er tot?«
»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab: er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer trennen können.
»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der Hand.«
»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«
»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle thun können? Nichts andres!«
»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt geschehn?«
»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«
»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!«