»Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich große Fußspuren eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen.
Sie führten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und unten« –
Witichis wankte.
»Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine Gestalt.
Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiß es nicht, im Flug war ich unten. – Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut überströmt –«
»Halt ein,« sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes Hildebad des armen Vaters Hand faßte, der stöhnend auf sein Lager sank.
»Mein Kind, mein süßes Kind, mein Weib!« rief er.
»Ich fühlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Fluß brachte ihn nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. »Du bist herabgefallen, mein Kind,« klagte ich.
»Nein,« sagte er, »nicht gefallen, geworfen.« Ich war starr vor Entsetzen. »Calpurnius,« hauchte er, »trat plötzlich um die Felsecke, wie ich auf die Vipern einhieb. »Komm mit mir,« sagte er und griff nach mir. Er sah bös aus und falsch. Ich sprang zurück. »Komm,« sagte er, »oder ich binde dich.« »Mich binden!« rief ich. [pg 141]»Mein Vater ist der Goten König und der deine. Wag’ es und rühr’ mich an!« Da ward er ganz wütig und schlug nach mir mit dem Stock und kam näher; ich aber wußte, daß in der Nähe unsere Knechte Holz fällten und schrie um Hilfe und wich zurück bis an den Rand der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute mußten mich gehört haben: ihre Axtschläge ruhten plötzlich. Doch plötzlich vorspringend, sagte er: »Stirb, kleine Natter!« und stieß mich über den Fels.««
Teja biß die Lippen. »O der Neiding,« rief Hildebad. Und Witichis riß sich mit einem Schrei des Schmerzes los.