Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, leise die Linke auf seine Schulter.

»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte dieser Härte.«

»Frau,« – mahnte der Alte nochmal.

»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? nein! und sollt ich einem Gott ins Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne Furcht: Wisse denn ...« –

»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an: »Ich weiß alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte, unerkannt, im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte alles, was dieser fordert und was du weigerst.«

»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine Gefahr. Weiß ich doch, daß du dein Weib nicht verstoßen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um jenes zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen Alten drohn: ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem Herzen.«

Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.

Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu rechten. Witichis, ich frage dich vor Teja: – du weißt, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir verloren – [pg 155]Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst du diese Hand fassen oder nicht?«

Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren! Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. Nie, niemals!«

»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich fordere. Ich hielt sie mit Mühe ab.«