VIII.

Denn auf dem rechten Flügel der Wenden – östlich der Straße – in den Weingärten und von den Waldhöhen herab ertönte auf einmal wildes, wüstes, verworrenes Geschrei.

Freund und Feind stutzte, hielt ein im Kämpfen, wandte dorthin Augen und Ohren. Und schon stürzten die wendischen Pfeilschützen und Fußknechte, aufgelöst, in wilder Flucht, die Höhen herab, auf die Straße, in die rechte Seite der Ihrigen hinein, brachten diese in volle Verwirrung und warfen sie mit solcher Wucht auf die Mitte und diese auf die westlichen Nebenmänner, daß diese über die steile Straßenböschung hinunter in die Wiesen stürzten.

»Steht, beim Zrnbog! steht! meine Brüderlein,« schrie den flüchtigen Pfeilschützen eine schrille Stimme zu. Und ein Führer, auf schwarzem Roß, in ganz schwarzer Gewandung und Rüstung, warf sich ihnen entgegen, den Nächsten über den Haufen reitend, den zweiten an der Schulter packend und mit eisernem Griffe festhaltend, daß er wohl stehen mußte. »Steht doch! Es ist ja schon alles gewonnen!« »Ja, steht, ihr Memmen!« schrie Berengar herzureitend. »Habt ihr den Teufel gesehen, daß ihr so lauft?« »Wie? du bist's, Kratochwyl?« rief der auf dem Rappen. »Bist doch wahrlich kein Feigling! Hab' dir ja den ganzen rechten Flügel anvertraut! Wer jagt euch denn so?« »Der Teufel,« keuchte der Wende atemlos. »Wirklich der Christenteufel – wie der Christenpfaff gesagt hat. Wir hatten die Bürger vor uns zurückgeworfen – schon zweimal! – hatten fast schon den Kamm der Höhe erstiegen, – da plötzlich brach aus dem dichtesten finstersten Buschwald in unsere rechte Flanke – hoch von oben herab – ein rasender Riese – nicht gar viele hinter ihm! – Aber ein Riese! In Wolfsfellen! Das muß der Teufel selber sein! Unverwundbar! Die Pfeile prallten von seiner Wolfsschur ab. Er sprang mitten unter uns: ›Hilf, Woden! Woden hilf!‹ schrie er unablässig und bei jedem Schrei schlug er mit einem fürchterlichen Balken, den er mit beiden Händen schwang, einen, auch zwei von uns zu Boden. Da zog ich mein Wurfmesser – du weißt, ich fehle nicht – und warf's ihm seitwärts in den Kopf. Es traf: es blieb stecken. Aber er fiel nicht! Vorwärts sprang er gegen mich und – ich sterbe. Flieh, Zwentibold! Es ist der Teufel!« Und er fiel um und war tot.

Zwentibolds geübtes Auge ersah, daß er die Flucht seines zersprengten rechten Flügels nicht hemmen konnte. Rasch entschlossen befahl er seinem Mitteltreffen, vorzurücken und die Fliehenden hinter sich vorüber fluten zu lassen, wohin sie wollten.

Er warf einen Blick nach vorn, überzählte die geringe Schar der deutschen Reiter, fand, daß von den Seinen immer noch genug in Ordnung standen, sofort vorgeführt zu werden, und befahl mit gellendem Hornruf den Vorstoß. Jetzt erst zog auch er den krummen Säbel. »Nun hat's Sinn, daß auch der Feldherr ficht,« rief er Berengar zu. »Drauf, meine Brüderlein! Wir sind immer noch fünf gegen einen. Werft den Bischof dort und seine paar Reiter und euer ist die reiche Stadt. Plündert sie und brennt sie nieder!«

Ein gellendes Geheul – wie von Rudeln hungriger Wölfe – ward ihm zur Antwort. Vorwärts sprengten und rannten die Wenden und da die Deutschen, die neue Wendung erkennend, im selben Augenblick anritten, prallten beide Scharen sofort zusammen. Gewaltig war der Stoß. Gab den Deutschen die Wucht der Hengste und der Waffen großen Vorteil, – voll aufgewogen ward er durch die starke Übermacht der Wenden. Ein wildes, heißes Ringen auf der Straße: – nach Osten, die Hügel aufwärts, gab es kein Ausweichen für die Gäule – so drängte alles von der Mitte nach Westen gegen den Fluß hin: da stürzten die Rosse und die Reiter und die Fußknechte der Wenden, oft, wie Käfer, aneinander zu Klumpen geballt, in dichten Massen hinunter auf die Wiese. Zwentibold merkte, daß dort die Seinen schwere Verluste litten; er bahnte sich den Weg hierher; Berengar war dicht hinter ihm. Beide ersahen an der Spitze der Deutschen hier einen Gewaltigen auf weißem Roß, der mit sausenden Streichen seines langen Schlachtschwerts hoch von oben herab die Fußknechte wie Mohnköpfe niedermähte. »Der Bischof!« riefen beide wie aus einem Munde. Und alsogleich fielen sie beide ihn an.

»Schaut links, Herr Heinrich!« schrie Hellmuth und fing mit dem Schild einen sehr starken Säbelhieb Zwentibolds, während Fulko mit dem Schwert einen Speerstoß Berengars zur Seite schlug, daß der Schaft zersprang. Aber da stürzte, von dem Lanzenstoß eines Fußknechts getroffen, Fulkos Rappe und begrub den Reiter unter sich. Sofort riß Berengar das Schwert aus der Scheide und hieb auf Herrn Heinrich ein. Aber der – nun gewarnt – schwang ausholend mit aller Kraft – denn er war jetzt sehr zornig! – die Klinge hoch in die Luft und hieb ihm den Schwertarm samt Hand und funkelndem Schwert hart an der Schulter, gerade wo er aus der Brünne trat, so säuberlich ab, als wär' er niemals dort angewachsen gewesen. Aufbrüllend vor Schmerz schlug der Verstümmelte rücklings aus dem Sattel.

Allein nun warf sich Zwentibold auf den Bischof.

Seines bisherigen Gegners Hellmuth, mit dem er blitzschnelle funkensprühende Hiebe getauscht, hatte er sich soeben entledigt, indem er des Gegners Roß durch einen tückischen Hieb über die Vorderbeine zu Fall gebracht. »Hierher, Brüderlein! Alle zu Hauf! Auf den Bischof! Auf den Schimmel!« schrie er.