IX.
Und nun wäre Herr Heinrich – bei aller Kraft des Armes und aller Tapferkeit des Herzens – doch verloren gewesen. Blandinus, der ihm beispringen wollte, stürzte, aus nächster Nähe von einem Wurfspeer mitten auf die Brünne getroffen, aus dem Sattel. Der nächste der bischöflichen Reiter, der den Schild über seinen Herrn hielt, ward von Zwentibold über das Gesicht gehauen; und während Herr Heinrich alle Mühe hatte, sich der raschen Doppelhiebe des Fürsten zu erwehren, erschaute er die spitzen Speere von vier Fußknechten gegen sich und sein schon mehrfach verwundetes Roß gezückt. Er sah den Tod vor Augen. »O Heilfriede!« dachte er noch, »Gott sei mir gnädig!«
Aber da ergellte ein wilder Schrei vieler Feinde von seiner linken Seite: – er verstand die Worte nicht: – jedoch auf einmal sah er von der Anhöhe des Weinbergs zu seiner Linken in gewaltigem Satz auf die Straße herabspringen eine Hünengestalt – und eine furchtbare Waffe schmetterte nieder auf das Roß Zwentibolds. »Hilf, Woden!« scholl es nun ganz nah an seiner Seite, und der Ankömmling schlug mit einem zweiten Streich den nächsten Lanzenknecht nieder. Die drei andern ließen zwar noch nicht ab: sie packten des Bischofs Roß am Zügel und zielten auf den Reiter mit den Speeren. Aber dem einen fuhr mit wütendem Gebell ein grauer Wolfshund an die Kehle und gleichzeitig fielen die beiden andern vor den hochgeschwungenen Schwertern Hellmuths und Fulkos, die sich inzwischen unter ihren Gäulen hervorgearbeitet hatten.
Jedoch auch Zwentibold stand schon wieder, katzenbehend, auf seinen Füßen und wollte – zum drittenmal – Herrn Heinrich anfallen. Allein er kam nicht dazu.
»Halt, Schwarz-Riese: – du bist mein. Hilf, Woden!« scholl es ihm entgegen und Rado hob den furchtbar wuchtigen Schürbaum. – Der Slave duckte sich, sprang zurück und kauerte hinter einem toten Gaule nieder auf den Boden. »Warte, Langer, du kommst später. Dein Bischof hat den Vortritt.« So zischend nahm er den Säbel zwischen die Zähne, riß ein kleines, kaum fingerlanges Messer aus dem Wehrgurt, faßte das Hornheft mit nur den ersten drei Fingern der Rechten und warf die dünne Klinge gegen Herrn Heinrich. Schwirrend, pfeifend durchschnitt sie die Luft – und traf. Gerade, wo zwischen dem Halsrand der Brünne und dem Sturzrand der Sturmhaube eine schmale Lücke klaffte, oberhalb des Schlüsselbeins, drang die scharfe Spitze in den Hals. Der Getroffene glitt langsam nach rückwärts aus dem Roß, das Schwert aber ließ er nicht aus der Faust.
Hellmuth und Fulko fingen den Sinkenden auf.
Gleichzeitig aber sprangen Rado und Zwentibold widereinander, beide in tödlichem Haß, nicht sich zu decken, nur zu treffen bedacht. – Und beide trafen. Dem Alten hatte die geschweifte Säbelklinge die dicke Sturmhaube aus dreifachem Wolfsfell durchschnitten und war noch tief in den Schädel gedrungen: – dem Slaven aber war die schwarze Pelzmütze und der schwarze Kopf in Eins zusammengeschlagen.
Das waren fast die letzten Streiche, die geschlagen wurden in diesem Gefecht. Denn die Söldner auf der Heerstraße entscharte der Schreck, als sie den Führer fallen sahen, dem sie blind in abgöttischem Vertrauen zu folgen so lange gewohnt waren. Ohne ihn zu kämpfen, waren sie nicht fähig.
Zugleich trafen nun von Osten, von den Höhen und Halden herab, jene Bürger ein, die unter Rados Führung den rechten Flügel der Wenden zersprengt hatten. Sie fielen den auf den Wiesen westlich von der Straße noch im Gefecht mit Gerichos Schar ausharrenden Feinden in den Rücken und nun floh alles, was noch fliehen konnte zu Roß und zu Fuß eilfertig flußaufwärts, eifrig verfolgt von den Siegern.