Die rosafarbenen Flammenzungen nennen wir »Sonnenflammen oder Protuberanzen«. Sie steigen oft bis zu einer Höhe von 500 000 km über den Sonnenrand empor. Bald sehen sie aus wie Wolken, bald wie der Rauchschwanz aus dem Schornstein einer dahinfahrenden Lokomotive, bald wie Getreidegarben und bald wieder wie lange schmale Schilfblätter. Sie bestehen entweder aus glühendem Wasserstoff oder aus glühenden, metallischen Dämpfen. Alle Metalle, die wir auf Erden in fester Form kennen, befinden sich auf der Sonne in glühendem oder gasigem Zustande.
Auch die Sonnenflammen oder Protuberanzen deuten auf heftige, stürmische Vorgänge hin; die wir auf der Sonne und in ihrem Innern schon kennen lernten! –
Wenn der Neumond sich einmal so zwischen Erde und Sonne stellt, daß er das Licht der letzteren für uns vollständig abblendet, dann haben bestimmte Orte auf der Erde das großartige Schauspiel einer totalen Sonnenfinsternis! Diese gehört zu den schönsten Erscheinungen, die uns die Natur am Firmamente zu bieten vermag!
Ist am klaren Tage der Augenblick der Verfinsterung gekommen, dann sehen wir, wie der Neumond sich unmerklich von Westen her gegen die Sonnenscheibe schiebt. Er macht in den Rand derselben zunächst eine kleine Einkerbung. Diese wird immer größer, und das Tagesgestirn nimmt infolgedessen eine Sichelform an. Letztere wird immer schmaler, je weiter die Verfinsterung fortschreitet. Infolgedessen machen sich auch gewisse Erscheinungen in der Luft und auf Erden bemerkbar. Das Firmament nimmt eine grünliche Färbung an. Ein kühler Wind erhebt sich. Dieser wird immer stärker. Die Temperatur sinkt um mehrere Grade. Die Blumen neigen ihre Köpfchen und fangen an zu schlafen. Die Tiere des Waldes und Feldes suchen kreischend ihre Schlupfwinkel auf. Die Vögel flattern ängstlich umher und in ihre Nester. Auch des Menschen Herz umfängt ein leichter Schauer! Aus der Höhe stürzen sich die sogenannten »fliegenden Schatten« auf den Erdboden herab. Sie huschen auf ihm hin und an Häusern und Mauern entlang!
Plötzlich ist der letzte Sonnenstrahl erloschen! Der Neumond bedeckt völlig die Scheibe der Sonne! In diesem Augenblicke flammt jener silberne Glorienschein, den wir Korona nannten, um die abgeblendete Sonne herum auf. In ihm steigen die rosafarbenen Flammenzungen empor, die wir als »Protuberanzen« kennen lernten.
Nur wenige Sekunden dauert dieses wundervolle Schauspiel, dann kommt am westlichen Rande der erste Sonnenstrahl wieder zum Vorschein. Die Sonne nimmt wieder eine Sichelgestalt an. Diese wird immer größer, bis die volle Scheibe des Tagesgestirnes endlich am klaren Firmamente hängt.
Der Neumond hat die Sonne unmerklich verlassen!
Außer den totalen (völligen) Verfinsterungen unseres Zentralgestirnes kennen wir noch partielle (teilweise) und ringförmige. Die teilweisen entstehen dann, wenn der Neumond nur einen Teil der Sonnenscheibe bedeckt, und die ringförmigen, wenn der Begleiter der Erde sich vor unser Tagesgestirn so stellt, daß um ihn herum von der Sonne noch ein feiner Lichtring übrig bleibt.
Teilweise Verfinsterungen des Sonnenballes treten öfters ein, und zwar für einen großen Teil der Erdbewohner. Totale und ringförmige Finsternisse hingegen sind schon seltener!
Eigentlich müßten wir bei jedem Neumonde eine totale Sonnenfinsternis haben. Das dies aber nicht geschieht, liegt daran, weil der Mond nicht immer genau auf der gedachten Linie steht, die Sonnen- und Erdmittelpunkt miteinander verbindet. Er geht nämlich einmal ein Stückchen oberhalb und einmal ein Stückchen unterhalb dieser gedachten Linie an unserem Tagesgestirne vorbei.