Von der Sonne ist sie 14 Millionen Meilen entfernt und umwandert sie in 225 Tagen. Ein Venusjahr ist also über 100 Tage kürzer, als ein irdisches.
Über die Dauer der Tageslänge sind sich die Astronomen noch nicht einig. Die einen behaupten, daß ein Venustag gleich einem Venusjahre, also 225 irdische Tage lang sei. Hierbei gibt man der Vermutung Raum, daß der Planet die Drehung um seine Achse verlangsamt habe.
Die anderen Forscher aber erklären, daß die Venus zu der Drehung um ihre Achse 24 Stunden brauche, daß also ein Venustag die Länge eines irdischen habe.
Diese Annahme wird durch die neuesten Beobachtungen eines Astronomen der Sternwarte zu Pulkowa bei St. Petersburg, – mit Namen Belopolsky, – bestätigt. Man hat den Planeten Venus mit dem Spektroskop untersucht und dabei gefunden, daß er eine hohe und dichte Lufthülle besitzt. Diese ist so dicht, daß wir mit unseren Teleskopen nicht allzutief in sie einzudringen vermögen. Infolgedessen sehen wir auch fast gar nichts von der Oberfläche des Planeten. Die Flecken, die man auf den Hörnerspitzen seiner Sichel hat beobachten können, deuten wohl mehr auf Wolken in seiner Lufthülle hin, als auf Festlande und Meere auf seiner Oberfläche.
Die Beobachtungen, die wir von dem Planeten Venus bisher gewonnen haben, sagen, daß die Atmosphäre jener Welt deshalb wohl so dicht und etwas anders, als die unsrige, zusammengesetzt ist, damit die Strahlen der nur 14 Millionen Meilen von ihm entfernten Sonne nicht allzusehr in seinen Luftgürtel eindringen. Auf diese Weise wäre es möglich, daß das Klima auf jenem Gestirne dem irdischen entspräche. Nach allem, was wir vom »Schwestergestirne der Erde« wissen, dürfen wir annehmen, daß es fast so groß wie unsere Erde ist, daß es Tag und Nacht besitzt, daß die Tage und Nächte dort ebenso lange dauern, als die unsrigen, und daß auch die Venus sicher Festlande, Gebirge und Meere hat wie die Erde.
Unsere Nachbarwelt kann mit Lebewesen bewohnt sein! Diese Wesen können uns Menschen ähnlich sein. Man hat dieses Bewohntsein jener Kugel sogar aus Beobachtungen schließen wollen. Wenn die Venus nämlich als schmale Sichel am Firmamente hängt, dann sehen wir ihren übrigen, – nicht von der Sonne beleuchteten Teil ihrer Scheibe, – in mattes Licht eingehüllt. Er ist in eine Art »Phosphoreszenz« getaucht, – in einen Lichtschimmer, – von dem wir bei der Besprechung der Nebelflecken bereits erfuhren. Dieser seltsame und uns noch ganz rätselhafte Schein, den wir auf jenem Planeten gewahren können, nennt der Astronom das »sekundäre Venuslicht«! Wir werden später bei der Beschreibung unseres Mondes etwas Ähnliches kennen lernen, – nämlich das »sekundäre Mondlicht«! Dieses hat aber eine ganz andere Entstehungsursache als das »sekundäre Venuslicht«. Um das letztere zu erklären, hat man angenommen, daß die Wesen auf dem »Schwestergestirne der Erde« den Pflanzenwuchs der großen Steppen dort zeitweilig anzündeten, daß man diesen Feuerschein bei uns auf Erden im Fernrohre sehen könne und ihn als »sekundäres Licht« deute.
Andere Astronomen glauben, daß die Oberfläche des Planeten teilweise mit einem Gestein bedeckt sei, das ähnlich unserem Bergkristall das Licht der Sonne stark breche. Diese Lichtbrechung vermögen wir in unseren Teleskopen als »sekundäres Licht« zu erkennen. Wieder andere Himmelsforscher behaupten, daß dieser Lichtschein von starken Polarlichtern herrühre, und diese Erklärung scheint die annehmbarste von allen zu sein, denn sie läßt sich noch auf eine andere Weise stützen.
Ist die Sonne nämlich reichlich mit Flecken bedeckt, dann flammen an den Polen unserer Erde prachtvolle Nordlichter auf. Die Beobachtungen haben nun gezeigt, daß das »sekundäre Venuslicht« auch stets stärker schimmert, wenn viele Flecken auf der lichten Scheibe der Sonne sich befinden. Das »sekundäre Venuslicht« kann also sehr wohl von Polarlichtern herrühren.
Der Planet hat keinen Mond, obgleich man eine Zeitlang dies annahm. Er ist also, – wie der Merkur, – ein »Mond unserer Sonne«!
Manchmal kommt es vor, daß die Venus als ein kleines, schwarzes Scheibchen über die Scheibe der Sonne hinwegzieht. Wir können dies mit unseren Fernrohren erkennen und nennen einen solchen Vorübergang des Planeten an unserem Tagesgestirn einen »Venusdurchgang«. Diese Venusdurchgänge sind überaus selten. Kaum zwei ereignen sich in einem Jahrhundert!