»Habt Ihr das auch mit angesehen?« wollte der Schnabel wissen.

»Ja... Ich kam etliche Wochen später zur Königin / und fand sie in ihrer Stube mit dem Leichnam. Ich hab' damals geglaubt / mein Verstand gehe zum Teufel / wie ich sie so mit dem Toten Zwiesprache halten hörte. >Ach / der Fürstenberg ist da< / rief sie / als ich eintrat. >Er kommt vom Kaiser.< Dann vergaß sie mich wieder / und redete von anderen Dingen zu dem Toten. Der König lag da / in seinen Staatskleidern / wie lebendig. Seine Wangen waren frisch / seine Lippen rot / denn sie hatte ihn schminken lassen / und mich schauderte ... wirklich / mir wurde heiß und kalt / wie sie verliebt zu ihm redete / von den Heimlichkeiten ihres Bettes zu ihm flüsterte / ihm Vorwürfe machte / ihn bat und flehte / und wie er nicht hören wollte...«

»Nicht hören wollte« / lachte der Markgraf / »wenn er doch mausetot war...«

»Ihr habt gut lachen / mein lieber Kulmbach« / sprach der Fürstenberg darauf. »Hättet Ihr nur den König gesehen / wie er auf seinen Kissen lag / als ob er atmen würde. Seine Augenlider standen noch ein wenig auf / und es schien / als spähe er von der Seite her / lauernd nach der Königin / und auf seinen Lippen schwebte ein lebendiges / ein spöttisches Lächeln... da war es / als wollte er sich jetzt an ihr rächen / als sei er hart und grausam und unerbittlich gegen all das Schluchzen und Weinen ... da war es / als müsse es ihm ganz leicht sein / das Haupt zu wenden und ihren sehnsüchtigen Klagen ein gutes Wort zu geben. Aber als wolle er einfach nicht / und als zeige er ihr / daß er sie in Zeit und Ewigkeit verschmähe... Ja / mein lieber Kulmbach / ich hab' doch all' meine Vernunft zusammennehmen müssen / um mir vorzustellen / daß dieser Mann dort vor zwei Monaten gestorben / daß er weit / weit von uns entfernt ist / daß er nicht hört und nicht sieht und nicht fühlt und nicht denkt / und daß ich eigentlich mit der Königin ganz allein im Zimmer sei...«

»Einmal bin auch ich ihr so begegnet« / fing Gonzalez mit seiner dünnen / verknitterten Stimme an. Er saß tief in seinem Stuhl versunken / blickte ins Leere und redete nur vor sich hin: »Das war lange nach Philipps Tod... Jahre ... Mitten in der Nacht bin ich ihr begegnet / als ich mit meinen Truppen durch die galizischen Wälder von Orense her nach Astorga ritt... oder war es Braganza / wohin wir damals mußten? ... Ganz finster war es / und da kam sie auf einmal angejagt... die Fackeln leuchteten ... man konnte das Zaumzeug ihrer Maultiere sehen... am hellsten aber sprühten die Fackeln um den gläsernen Sarg... das war / als komme der König in Qualm und Feuer dahergezogen ... Meine Soldaten mußten sich am Wegrand aufstellen / daß der rasche Zug vorbei könne... alle bekreuzten sich und beteten laut... Ich aber ritt herzu und grüßte die Königin... da ließ sie die Bahre niedersetzen / ließ die Fackelträger herbeikommen / neigte sich zu dem Toten und erzählte ihm / daß ich da sei... Ich habe ihn angeschaut... er sah aus wie eine alte Puppe... ein wenig schadhaft war er schon... zwei Zähne lagen ausgefallen auf seiner Brust... die Halskrause war schmutzig und die Farbe auf seinen Wangen hatte Trockensprünge... >Er schläft< / sagte die Königin zu mir... >er schläft noch immer und das ist gut / denn er wird alle vergessen... im Schlafe ... alle anderen wird er vergessen haben / wenn er dann aufwacht... Wir müssen weiter...< meinte sie zum Abschied... >er will nach Miranda. Ich weiß / daß er nach Miranda will. Dort war auch einmal eine... und jetzt muß er dort schlafen / um auch die in Miranda zu vergessen...< Hernach ließ sie den Sarg heben. Sie lächelte gnädig / als sie mich entließ / und wir schauten ihr noch lange nach wie ihre Fackeln den finsteren Wald hinter uns ganz erleuchteten...«

»So ein Satan von einem Weibe...«

»Nein« / widersprach der Fürstenberg. »Es war nur eine Traurigkeit in ihrem Gemüt von jeher... Gott hatte die Pforten ihrer Seele verschlossen / daß sie verdunkelt blieb wie eine Kammer ohne Fenster / nur schwarze Gedanken krochen darin umher und ein Argwohn mit blinden Augen...«

»Trotzdem« / meinte einer / »die Arragonische wird schon im Recht gewesen sein / als sie das Weibsstück aus Burgund beiseite schaffen ließ...«

Da sagte der Fürstenberg laut: »Nein! Ihr irrt Euch! Das burgundische Fräulein starb ohne Schuld. Die war mit einem deutschen Offizier verlobt. Ich hab' ihn gut gekannt. Er hat sich umgebracht / am selben Tage noch. Und das Schlimmste daran / daß er gemeint hat / sie sei ihm wirklich mit dem König untreu gewesen. Die Wut der Königin hatte ihn angesteckt. Daß man seine Braut getötet hatte / galt ihm schon als Beweis und als Strafe ihrer Schuld.«