Die Kürassiere sangen:
»Der Kaiser hat viele Soldaten /
Er gibt ihnen Gut und Geld /
Er macht es wie's ihm gefällt /
Und läßt sie brav lustig marschieren /
Wohl durch die weite Welt.«
Dann wieder sangen die Reiter:
»Ich weiß nicht / bin ich arm oder reich /
Oder geht es mit mir zum Verderben /
Oder komm ich noch einmal gesund nach Haus /
Oder muß ich vor dem Feinde sterben.«
Es war eine nachdenkliche und milde Melodie und doch wie verhaltener Sturm darinnen. Hell und dunkel erschien mir das Lied / hob mein Gemüt hoch empor und umfing es doch wieder mit Beklommenheit.
Da plötzlich kam von hinten her ein Reiter vorbeigeprescht / ganz dicht am Straßenrand und fuhr wie das böse Wetter dahin / daß mein Tier erschreckt in die Hinterfüße stampfte. Und im Blitz des Vorbeisausens erkannte ich / daß es der Kaiser sei. Bis auf den heutigen Tag weiß ich nicht / was mich antrieb. War es die Erinnerung an den Schwarzgepanzerten von heute Nacht / der seinen Gaul zu Tode gejagt / die mich jetzt befiel / war es die Wut / die ich im vorübersausenden Kaiser verspürte und die mich mitriß / oder all die in mir angesammelte Erwartung / die jetzt mit einem Mal in mir zu sieden begann... ich hackte die Sporen ein und galoppierte dem Kaiser nach. Hinter mir fegte das Lied her / das die Reiter sangen / vor mir stob der Kaiser dahin und es war / als müsse ich ihn erjagen. Ich wußte von nichts mehr. Mir klangs nur in die Ohren: »Ich weiß nicht / bin ich arm oder reich. Oder geht es mit mir zum Verderben.« Und sonst konnte ich weiter nichts denken. Den Kaiser einzuholen / war ich nicht imstande / aber wie wir beim Fußvolk vorübersprengten / hörte ich ihn zu dem Obristen hinüberrufen: »Es geht all zu langsam. Das Fuhrwerk muß rascher fahren.«
Jetzt waren wir bei den schweren Wagen / die in langer Reihe bedächtig dahinzogen und Mühe hatten im tiefen Kot nicht stecken zu bleiben. Jetzt sah ich / wie der Kaiser über einen Kutscher herfuhr / der neben seinen Gäulen fürbaß schritt. Jetzt sah ich des Kutschers Hand / wie sie auf dem Hinterteil des einen Zugpferdes auflag / diese breite / rote / große Hand... ich erkannte sie in der Sekunde: Das war der Kaspar Dinckel / den ich vergessen hatte. Wie ein Feuer gings mir jetzt auf / und zugleich auch / daß ein Unheil bevorstehe. Eine furchtbare Beschämtheit und eine eiskalte Angst schnürten mir im Nu die Kehle. Ich spornte mein Pferd wie rasend. Jetzt hatte ich Eile / jetzt auf einmal hatte ich Beflissenheit und Drang und Begier / dem Kaspar Dinckel mein Wort zu halten.
Aber ehe ich ihn noch erreichen konnte / war alles schon vorüber.
Ich hörte das breite vlämisch gequetschte Deutsch / womit der Kaiser ihn anschrie: »Treib Deine Gäule an / Bursch / es geht all zu langsam...«