Er rührte sich nicht / zog seine Hand nicht vom Schenkel des Pferdes / ließ sie breit darauf liegen wie vorher. Unbekümmert schritt er dahin / den blonden Kopf zwischen die breiten Schultern geduckt / mit schleppenden Schritten. Ich sah / daß er widerspenstig war. Ich trieb mein Pferd / daß es schnaubte. Ich stellte mich in den Bügeln auf. Wenn ich dazu komme / wenn er mich erkennt / dann ist alles gewonnen. Rascher als ein Funken aufstiebt / jagte die Angst mir solches Erwägen hervor.
»Hörst nicht / Kerl!« schrie der Kaiser und seine Stimme schnappte. Der aber ging / die Hand auf dem Pferde liegend / als höre er nichts / als sähe er niemanden.
»Kaspar...!« wollte ich rufen / denn nun war ich nahe.
Aber der Kaiser hatte seinen Stecken erhoben und schlug zu. Ich sah den Streich auf die breite Schulter herabzucken / ein kleiner / schwächlicher / boshafter / rasch hinschnalzender Streich: »Da hast...« kreischte der Kaiser / »da hast...!«
Da reckte sich der Fuhrknecht auf. Mir stockte der Atem wie er's tat. Wie er dastand / das gute Angesicht von einem jähen Zorn lodernd und bös zusammengefaßt / wie er ausholte mit dem Arm ... Und im weiten Bogen pfiff seine Peitsche / pfiff und schmitzte dem Kaiser übers Haar / über die Stirn / mitten über das kleine / blasse / entsetzte Antlitz.
»Daß dich spanischen Bösewicht Gotts Element schänden möge!« rief er mit seiner schweren / langsamen Stimme. Und stand noch aufrecht mit freier wutbrennender Stirn und schimpfierte den Kaiser noch mit den funkelnden Augen.
Er kennt ihn nicht / durchfuhrs mich / kennt den Kaiser nicht und dabei durchfuhr mich die unerklärliche Zuneigung / die ich für den Burschen hatte / durchfuhr mich der Jammer über sein Elend / durchfuhr mich die Pracht seiner Gebärde / die frische Kraft seines ausschwingenden Armes und zugleich auch durchfuhr mich Geringschätzung gegen den schwächlichen /kleinen Mann /der da verkauert im Sattel hing und von dem jungen Kutscher gepeitscht worden war.
Mit Gewalt riß ich mich aus dem Zwang dieses Augenblicks / ließ mein Pferd noch ein paar Sprünge tun und befand mich an des Kaisers Seite. Jetzt erst ersah mich der Kaspar Dinckel. Zu spät. Wäre er auch nur um zwei Atemzüge früher meiner gewahr geworden / ich hätte ihn noch retten können. Seine grimmig gestrafften Züge lösten sich im Nu. Das Gesicht wurde ihm gleich ganz hell. Er lächelte mir entgegen und senkte doch wieder rasch in Beschämung die Augen. Ich wollte ihn anreden / aber da hörte ich den Kaiser zischen und pfauchen und wie ich mich gegen ihn wandte / deutete er nur immer mit fuchtelndem Arm wie rasend auf den Kaspar / indessen sein Mund keuchend offen stand und ihm der Schaum über die Lippen trat. Seine Stimme war von Wut / von Schmerz und Krampf völlig verhängt / jeder Ton zugeschnürt / und vom Schnappen des Atems zerpreßt. »Henken...!« kreischte er »... Henken...! stracks... an den nächsten Baum!« Seine Augäpfel verdrehten sich / er stieß nur ein kurzes Heulen noch heraus / das umkippte ehe die Zunge es erwischen und ein Wort daraus machen konnte. Dann sank er nach hinten über / als sei er von einem Lanzenstoß aus dem Sattel gerannt.
Es hatten sich etliche Leute schon herumgesammelt / von denen einige den Kaiser auffingen. Andere legten allbereits Hand an / um Kaspar zu fahen.