errn Nikolaus Perrenot traf ich in einem Prunkgemach / wo kostbare / gewebte Bilder aus Flandern von den Wänden niederhingen. Es war ein stolzer Mann mit einem blassen / klugen Antlitz / hatte einen langen / weißen Bart / durch den ich die verkniffenen Lippen sah. Ich war ihm nie vorher begegnet und es bestand keine Gemeinschaft zwischen mir und ihm / ob er gleich mein Anverwandter hieß. Sein Vater war nämlich in Burgund nur ein niedriger Schlosser gewesen und ich meinte nicht anders / als daß er mich mit einer geziemenden Devotion empfangen werde / weil ich ja doch aus edlem Blute stammte. Aber der Sohn des Schlossers war jetzt der Erzkanzler von Kaiser Karl; er führte den Namen Granvella nach einem Dominium in Burgund / das ihm sein Herr geschenkt / und er schien es für nichts zu achten / daß meine Base / eine Rehberg von der Czenstochauer Linie / seinen Sohn geheiratet hatte. Sein Wesen war /ungeachtet seiner geringen Herkunft / so gebieterisch / daß ich / ohne es zu wollen / vor ihm ganz schüchtern dastand / indessen er in seinem Armstuhl sitzen blieb. Er meinte / ich solle erst Soldat werden / um zu vielem Gelde zu gelangen / dann werde er mir eine Gesandtschaft anvertrauen / damit ich an einem fremden Hofe meinen Reichtum mehren könne. Ich wußte nichts / als ja zu sagen und mit dem Kopf zu nicken und es tat mir nicht wohl / wie er mich musterte und mit seinen eiskalten Augen durchsuchte.

Währenddessen wir redeten / trat ein junger Priester in den Saal / den ich sogleich als den Sohn des Granvella erkannte. Er hatte dieselben harten / verschlossenen Mienen und diesen kühlen / herrischen Gleichmut / der ihm stolz aus den dunklen Augen sah. Indem er hörte / daß wir Vettern seien / neigte er nur leicht das Haupt gegen mich / der ich mich von seinem Anstand wie von seinem geistlichen Gewande bezwungen fand / und — ob ich gleich bei mir dachte / es müsse eigentlich umgekehrt sein — bückte ich mich tief vor ihm zu Boden. Er war damalen Zweiundzwanzig / also drei Jahre jünger als ich und war Bischof von Arras. Heute ist er Kardinal und Erzbischof von Mecheln / derweilen ich geblieben bin / was ich in jenem Augsburger Zimmer gewesen: ein armer unbegnadeter Edelmann.

Es kamen / indem ich darinnen blieb / nacheinander viele Menschen in das Gemach / vornehme und fürstliche Personen / wie ich gut merkte / und waren auch etliche Vließritter mit dabei. Betrugen sich aber alle mit vieler Unterwürfigkeit gegen den Sohn des Schlossers und nahten ihm mit Schmeichelworten. Konnten jedoch über die Schranken / die er mit seinen kalten Manieren rings um sich aufgerichtet hatte / nicht hinweg in seine Vertraulichkeit gelangen. Während die Türen gingen / vernahm ich aus der Tiefe des Hauses ein wütendes Hundegebell. Mir aber schien es nicht wie das Bellen richtiger Hunde / vielmehr als ob Possenreißer es wollten nachahmen und des Spaßes wegen vortäuschten. Eben hatten sie ein ganz erschreckliches Heulen angehoben / als ein paar von des Kaisers Sekretären heftig eintraten / unter ihnen Herr Johann Obernburger / für die Reichssachen angestellt / stattlich anzusehn und fett vom Leibe / daß er schnaufen mußte. Es war der einzige / den ich von früher her kannte. Dieser kehrte sich zu dem Großkanzler und fing mit Getöse seine Beschwerde an. Es sei wohl gerecht / wenn der Kaiser die Verleumder strafe / indem er sie auf allen Vieren laufen und gleich dem Hundegezücht bellen lasse. Man könne aber vor solchem Satanslärm nicht arbeiten / werde empfindlich gestört und glaube zuletzt / es gäbe nichts als lauter Verleumder auf der Welt.

Der Schimmer eines Lächelns flog an dem starren Antlitz des Nikolaus Perrenot vorbei / indem er sprach / die Verleumder wüßten eben auf jede Weise die Arbeit der Rechtschaffenen zu kreuzen und man könne ihnen nirgends beikommen.

Der Bischof von Arras befahl: »Laßt sie solange schweigen.«

Ich vernahm dergleichen Dinge mit Staunen und es war mir nicht anders / als sei ich hier im Vorsaal der göttlichen Gerechtigkeit. Noch eine Weile ließ sich das Bellen vernehmen / dann ward es plötzlich still. Ich aber fühlte anjetzt zum zweiten Male und noch weit heftiger als auf dem Markte draußen die Nähe der kaiserlichen Person und erkannte wohl / daß er von Gott gesetzet sei / schon auf Erden hier Seligkeit und Verdammnis auszuteilen. Denn er strafte wie man in der Hölle straft und ließ die Gerechten / ob sie auch von einem Schlosser stammen mochten / im Rate an seiner Seite sitzen. Darob kam eine große Andacht in mein Herz / daß ich die Mauern des Hauses / darin ich war / mit meinen Blicken durchdringen wollte / um der Herrlichkeit Seiner Majestät ansichtig zu werden / gleichwie inbrünstige Beter durch das Gewölbe der Kirche hindurch schauen mochten / den Glanz des Höchsten einmal mit Augen zu erspähen.

Ich stand in großer Bewegung da / indessen die anderen untereinander sich besprachen / als mit einem Male alle Türen geöffnet wurden. Von weitem kamen jetzt Fanfarenklänge herein / ein hastiges Gedränge entstand und sagten etliche / so in meiner Nähe waren / daß der Kaiser eben aus der Messe komme und zur Tafel gehe. Trat auch der Bischof von Arras her zu mir und meinte in seinem kalten hochmütigen Tone: »Kommt mit / Herr Junker / den Kaiser beim Mahle zu betrachten. So könnt Ihr ihn wenigstens aus der Nähe sehen / bis ein schicklicher Anlaß sich findet / Euch zu präsentieren und seiner Gnaden zu empfehlen.«

In den Kammern all / den Treppenhäusern und Galerien / durch welche wir schritten / war ein gewaltiger Zulauf von Menschen und das Gemäuer dröhnte vom Klirren der Waffen / der schweren Sporenschritte / und vom Lärm der Stimmen. Im Saale aber / der weit und hoch war wie eine Kirche / legte sich eine festliche Stille über die Menge / gleichsam als wäre sie von einem dunklen Mantel überbreitet. In der Mitten stand ein artiger Tisch / aber nur ein einziger Stuhl davor mit der Lehne gegen die Fensterseiten / und ich verwunderte mich / daß der Kaiser allein beim Essen sitzen werde. Konnte aber diesem Umstand nicht weiter nachdenken / denn wir mußten uns sämtlich der Ordnung nach in einem weiten Bogen aufstellen. Hinter uns trat eine Reihe von Hellebardenträgern / die hielten ihre Spieße verquer / daß der helle Haufen von Kriegsvolk und Bürgersleuten nicht herzudrängen konnte. Mich hatte der gleißende Saal / die köstliche Vertäfelung / der Prunk des Geschirres und der Kristalle aufs Heftigste gespannt. Dabei fühlte ich mich bedrückt von dem Stolz / dem edlen Anstand und der reichen Kleidung all der vielen Herren rings um mich her. Ich kam mir klein und elend und gar zu nichtig vor / und mein Blut entzündete sich plötzlich in einem heißen / schmerzhaften Wünschen / mühevolle und gefährliche Taten zu vollbringen / vornehm und ausgezeichnet zu werden und mein Haupt so hoch zu tragen / wie ich es jetzt bescheiden gesenkt hielt. Ein jähes Hoffen riß sich in mir los und wie es dieser Stunde in rasendem Flug um Jahre vorausstürmte / wollte es mir schier den Atem rauben.

Unterdessen aber tat sich eine Türe auf und es kamen viele Kämmerlinge herein / Schänken / Truchsesse und Pagen in wohlgeordneten Reihen / die sich alle bei den Kredenztischen / Pfeilern und Fenstern mit ernster Miene an ihre Plätze stellten.