Nun blickte jeglicher gespannt zu der kleinen Pforte in der Schmalwand und als dort zwei Pagen in den Reichsfarben sichtbar wurden / neigten sich alle auf einmal so tief sie nur konnten zur Erde / denn jetzt trat der Kaiser in den Saal.

Er hatte unser gar nicht acht / hielt nur einen Augenblick inne und reichte etlichen Personen / die hinter ihm einhergeschritten waren / die Hand. Das waren lauter kaiserliche Prinzen / Kurfürsten und regierende Herren. Durfte aber keiner mit der Majestät zu Tische gehen / sondern nahmen Urlaub / um ihre eigene Tafel aufzusuchen oder traten beiseite und schauten der kaiserlichen Mahlzeit zu / wie wir.

Ich sah / daß der Kaiser düster blickte und erschrak darum / denn ich hatte mir's anders gedacht. Hörte aber später / daß er immer ein verfinstertes Wesen habe. Es war ein wunderbar stattlicher Herr / zierlich und nicht zu hoch gewachsen und hatte eine feine Anmut der Glieder. Passierte er vor den Fenstern / wo eben die Mittagssonne hereinschien / da leuchtete sein glattes Haar goldblond. Kam er jedoch in den Pfeilerschatten / so zeigte es sich / daß es hellbraun war und einen metallischen Glanz besaß. Niemalen aber hatte ich ein Antlitz geschaut / das so bleich war wie dieses. Denn es sah aus wie das Angesicht eines Entsetzten und es war die Blässe der zarten Schläfen / der Stirne / Nase und der Wangen so gleichmäßig wie die weiße spanische Halskrause / die der Kaiser trug. Weil nun auch die Augen so erloschen und ohne allen Glanz blickten / weil ihm dazu der Mund mit seiner breiten / vorgeschobenen Unterlippe zu klaffen schien / war es / als habe man einen Toten auferweckt und als starre er / von der unermeßlichen Schwere des ewigen Schlafes noch trunken / fremd und fern in das Licht der Welt.

Als der Kaiser niedersaß / trugen sechs junge Grafen sechs goldene Schüsseln herbei und boten sie knieend dar. Der Hofmeister / Herr Philippe de Beaume / ein munterer und gefälliger Mann / den ich vorerst in Granvellas Zimmer allerlei Schnurren hatte treiben hören / stand mit unbeweglichen / völlig gefrorenen Mienen dabei und ließ kein Auge vom Kaiser. Dieser musterte die Speisen und hob dann seinen Blick gleichgültig ins Leere. Da wurden alle hinweggenommen und es kam die zweite Tracht / die wieder aus sechs Schüsseln bestand. Diesmal winkte der Kaiser und erwählte unter den leckeren Pasteten und ausländischen Gerichten nur einen Kalbskopf / der vor ihm auf den Tisch gesetzt wurde. Er nahm ein blankes Messers / löste sich vom Fleisch ein tüchtig Stück herunter und schnitt es mit dem Weißbrot zusammen in lauter kleine Brocken. Dann hob er den Teller unter das Kinn und aß / jeden Bissen mit zwei Fingern greifend / so zierlich / daß es eine Lust war. Dabei blinkte auf dem dunklen Bart seine schneebleiche zarte Frauenhand und ich erstaunte / wie er damit wohl ein Schwert oder gar eine Turnierlanze mochte rühren können.

Standen da etliche Narren / Hanswürste und Philosophen in einer Reihe / die allerhand Schabernack trieben und sich heruntermühten / es ihm mit lustigen Späßen und Sentenzen abzugewinnen. Das war jedoch / als ob sie in die leere Luft redeten. Denn von uns blickten alle nur auf den Kaiser / der aber blieb still für sich / als habe er nichts gesehen / noch vernommen. Wie er einmal verlangend das Haupt wandte / traten in ihren langen schwarzen Talaren die beiden Leibärzte an den Schänktisch und mengten aus zwei hohen Kristallkrügen den Trunk in einen großen Becher. Der Kaiser empfing ihn von Herrn Philippe de Beaume / brachte ihn an die Lippen / schloß müd die Augen und leerte den Pokal bis auf den Grund. Ich sah / wie er manchmal inne hielt und Atem schöpfte / aber er setzte dabei nicht ab. Er machte es wie die Kinder tun / die ihre Portion mit eins bewältigen wollen / und da er seinerzeit ein schwächliches Knäblein gewesen / mag ihm wohl mit vielem Zuspruch zu fleißigem Trinken angelegen worden sein / also daß er diese Art gewohnt und bis in sein Alter bewahrt hatte.

Während der Kaiser so an seinem Tische saß und das Mahl seinen Fortgang nahm / stieß mir plötzlich der Satan einen argen Gedanken vor die Stirn: daß nämlich der blasse Mann dort an seinem Tische / den wir alle mit Neugier umstanden / gar wohl einem fremdartigen / gefährlichen Tiere ähnlich sei / das hier / gezähmt / vor einer bangen Gaffermenge seine betrübten Possen agiere. Eilig aber nahm ich meine Zuflucht zur kaiserlichen Person / indem ich scharf in Obacht nahm / wie er von all den Grafen und Edlen unterwürfig bedient wurde / und wie er es in der majestätischen Ruhe seiner Gebärden im stolzen Gleichmut seiner Haltung auszusprechen schien / daß er sich ganz allein im Saale erachte / so viele Augen ihn auch bespähen mochten. Da holte ich ein ander Gleichnis aus meinem Herzen / um es dem Bösen / der mir anwollte / entgegenzustemmen. Erschien mir nämlich der Tisch mit unseres gnädigen Herrn einsamer Person wie ein weltlicher Altar / vor dem wir aus gehöriger Entfernung zusahen / wie eine bedeutsame und erhabene Handlung zelebriert wurde. Ich hatte in diesen wenigen Stunden meines Hierseins viel Macht der Erde geschaut und Größe der Welt. Jetzt in diesem Saale waren sie ja alle beisammen / die mir bisher begegnet / und ihrer noch viel mehr. Aber wo war jetzt im Angesicht des Kaisers ihr Hochmut geblieben? Bei etlichen hatte er sich aufgelöst wie neuer Schnee in der Morgensonne und sie standen kahl in ihrer Demut mit Befangenheit in den Augen. Etliche freilich hatten sich noch höher aufgerichtet / aber es war nicht ihr eigener Stolz. Sie trugen ihn nur wie des Königs Livree; er glänzte an ihnen nur als der Widerschein des Lichtes / das ihnen hier aufgegangen war. Da merkte ich / daß nur er allein von allen die Hoheit besaß / daß nur in seinem Wesen die Freiheit wohne / ihrer selbst nicht bewußt. Und jetzt erst fing ich an / mit der rechten Andacht seine Gegenwart zu verehren.

Der Kaiser stand auf / schob den Stuhl zurück und es ward darauf mit wunderbarer Schnelligkeit alles Gerät hinweggeräumt / Tische und Schüsseln und Geschirr beiseite geschafft / so daß der Saal im Nu wie ausgeleert erschien. Die Schänken / Truchsesse und das ganze übrige erlauchte Gesinde zog ab / mit tiefer Verbeugung nach rückwärts schreitend / und blieb der Kaiser allein im großen Raume stehen. Da trat ganz leise der Bischof von Arras / mein Herr Vetter / zu ihm heran / neigte sich / schlug das Kreuz / faltete die Hände und betete ihm / niedergeschlagenen Blickes / mit seiner kalten Stimme das Gratias vor. Der Kaiser sah ihm dabei mit seinen erloschenen Augen von unten her ins Gesicht und ließ die Unterlippe klaffen. Als dann der Bischof von Arras vollendet hatte / kam Herr Philippe de Beaume herbei / brachte ein Federkielchen / das der Kaiser nahm und sich mit aller Sorgfalt die Zähne stocherte. Hierauf trugen zwei kleine Pagen / die wie himmlische Engel anzusehen waren / ein silbernes Waschbecken heran / das sie knieend über ihre Lockenköpfe in die Höhe hielten und darein der Kaiser seine weißen Hände tauchte. Zuletzt trat er allein in eine Fensternische / zog ein schief Gesicht / als sei ihm übel und blickte nur so für sich hin.

Indem fing die Menge / die im Saale versammelt war / sich zu entfernen an und an meiner Seite stand plötzlich ein Schreiber / der mir sagte / er sei von Granvella gesendet: »Komm mit / ich soll Euch Euer Quartier weisen.«