»Ihr seid wohl eben erst nach Augsburg gekommen« / sprach mich mein Nachbar zur Linken an. »Ich sah Euch heute zum erstenmal / als der Kaiser tafelte.«
Das war ein blutjunger Mensch; kaum zwanzig / hatte ein fröhliches / vom Wetter ganz verbranntes Gesicht und lachte / wenn er redete / mit den braunen Augen.
»Wißt Ihr schon Euer Regiment?«
Und als ich bekannte / daß ich noch gar nichts wisse / riet er mir: »Macht / daß Ihr zu den Schwadronen des Markgrafen von Kulmbach kommt. Es ist eine Truppe / die der Kaiser liebt.«
»Steht Ihr bei dem Markgrafen?« fragte ich ihn.
Er lachte mit den Augen: »Ich bin ja sein Leutnant. Johann Schnabel von Schönstein / dem Herrn Junker aufzuwarten.«
Ich hielt mich an den Schnabel / weil er hier doch der einzige war / der mir Rede stand. Und er berichtete mir / daß er zwölf schöne Beutepferde besitze / Juwelen und Dukaten genug / daß der Markgraf von Kulmbach ein wilder / rauflustiger Herr sei / unter dessen Fahnen ein tapferer Offizier leichter als irgendwo zu Kriegsruhm und Gold gelangen könne. Mir flößte der Schnabel immer mehr Respekt ein / weil er / soviel jünger als ich / schon Leutnant und im Krieg gewesen war. Am meisten aber / weil er so dreist und mit so lachenden Augen von all den erlauchten Herren / die hier umhersaßen / zu reden wußte.
»Seht Ihr die zwei käsegelben Gesichter dort / die beiden Pfaffen / die neben dem Bischof sitzen / das sind die spanischen Beichtväter des Kaisers. Und dort der spitzschnauzige Kerl / dem das schwarze Haar bis zu den Augen herunterwächst. Das ist der Contarini / der Gesandte von Venedig. Er ist schlau wie ein Fuchs / bissig wie ein Wolf und frech wie ein Dachs. Aber ich mag ihn gerne leiden / denn ich weiß mir keinen andern / der dem Kaiser so ein Maul anzuhängen wagt wie er... Schaut Euch den Mann dort gut an... den alten / mit der Hexennase und dem traurigen Blick. Er hat eine Gewohnheit / sich unterm Tisch in den Hosenlatz zu greifen und zu kratzen / ist aber ein vielerfahrener und berühmter Feldhauptmann: der Wolf Fürstenberg; war lange in Castilien / noch unterm Vater des Kaisers... Der andere auch / der weißhaarige Spanier neben ihm / Gonzalez heißt er... Weiß Gott / wie alt der schon ist / nimmt aber noch jeden Abend einen Buben zu sich ins Bett und es wird einmal von den Pagen einer zu ihm in den Sarg steigen müssen / damit er sich nur überhaupt begraben läßt. Dort drüben sitzen alle die spanischen Kerls beisammen. Seht Ihr... alle ausgedörrt wie geröstete Pflaumen... Das schnappt uns hier die besten Gnaden weg / hat den Vließorden im Handumdrehen / und dabei kann man sterben mit ihnen vor Langeweile / so steif sind sie... Und jener Kleine dort / der aussieht / als wolle er jeden Augenblick vom Sessel rutschen...«
Ich hätte ihm gerne nur immer weiter gelauscht und hatte ein wunderliches Gefühl dabei aus Schrecken / Neugier und aufwachendem Verstehen gemischt. Aber der Bischof hob eben die Tafel auf. Es entstand ein allgemeines Stühlerücken / ein heftiger Lärm / da jeder seine Stimme nur noch lauter erhob / und während sie so miteinander schwatzten / durcheinander liefen / lachten und sich begrüßten, wurden die Tische von einem Dienerschwarm hurtig beiseite geschoben / an die Wand gerückt und die Stühle im Kreise aufgestellt. Man setzte sich wieder / ein jeder wo er gerade mochte / man plauderte in den Fensternischen und jetzt fingen sie wieder an / schweren Wein in hohen Krügen herumzureichen.
Ein stämmiger Mann mit einem feisten Gesicht und lockigem Vollbart überschrie alle anderen / so daß ich näher ging / um zu hören / was es gäbe. Er stand von anderen Generalen umringt und zeterte mit hitzigen Gebärden darauf los: