Den Göttern wird aber viel weniger Verehrung erwiesen, als den Seelen der verstorbenen Ahnen, den Anitos. In jedem Dorfe befindet sich ein heiliger Baum, den man als Wohnsitz von Anitos ansieht. Unter diese Bäume werden Opferstöcke hingestellt, welche natürlich dem ersten vorbeistreifenden Hunde ein willkommenes Fressen bieten. Vor diesen Bäumen stehen oft (Lillo 20) Felsblöcke oder Steine in Form von Altären, auf welchen die Opfer den Anitos dargebracht werden. Am unteren Rio Agno giebt es nur hie und da Opferplätze (Semper, Erdk. XIII, 94). Der Anito-Cultus zieht wie der rothe Faden in dem Tauwerk der englischen Marine durch alle Anschauungen, Sitten, Bräuche und Lebensgewohnheiten der Igorroten. Bei jedem Anlasse werden sie angerufen und jeder Vorfall, besonders wenn er schlimmer Natur ist, ihrem Einflüsse zugeschrieben, deshalb sucht man sie sich stets gewogen zu erhalten. Vor der Aussaat des Reises wird ihnen ein grosses Opferfest abgehalten, damit sie Saaten und Felder schützen &c. Die Anitos rufen auch die Krankheiten hervor und erzeugen verderbliche Dünste in Feld und Flur. Die Igorroten des in Lepanto liegenden Ortes Cabugatan halten die Aale ihres Baches für Verkörperungen ihrer Anitos, weshalb sie ihnen nicht nur kein Leid zufügen, sondern sie selbst füttern (Lillo 21). Mitunter findet man (in Lepanto) rohe Holzbilder, welche einen stehenden oder hockenden Mann darstellen, es sind diess Bilder der Anitos. Semper traf bei den südlichen Igorroten keine derartigen Bilder. Besonders zur Nachtzeit ziehen die Anitos herum, um Schaden zuzufügen (Mas, pobl. 17).

Die Igorroten besitzen einen Priesterstand, dessen Mitglieder der Mehrzahl nach Weiber sind, wie diess bei den Tagalen und Visayern in den Zeiten der Conquista ebenso der Fall war. Der männliche Priester heisst Mambunung, in jedem Dorfe ist nur einer, der erst auf dem Todtenbett seinem Sohne die Gebetsformeln mittheilt (Semper, Erdkunde XIII, 94). Diese Mambunungs heilen auch Krankheiten, indem sie das Gesicht des Leidenden mit dem Blute eines geschlachteten Opferthieres beschmieren; als Bezahlung erhalten sie Gold und die besten Fleischstücke des Opferthieres (Semper, l. c.). Schweine, Hunde und Hühner dürfen nicht geschlachtet werden, ausser sie werden vom Mambunung eingeweiht und Theile ihres Fleisches den Göttern oder Anitos geopfert.

Meist werden alle religiösen Ceremonien durch Priesterinnen, die sogenannten „Asiteras”, geleitet, es sind diess gewöhnlich alte Weiber, welche die Opfer bei den religiösen Festen, den Cañaos, zu verrichten haben. Die Anlässe zur Veranstaltung solcher sind verschiedenartigster Natur, wie: Erkrankung, plötzliches Umstehen des Viehes, eine Leichenbestattung, Hochzeiten, das Erblicken gewisser Vögel oder einer Ratte, welche den Weg kreuzt, ferner der Neubau eines Hauses oder der Aufbruch eines Kopfjägers, der Blutrache ausüben will (Lillo, 19 f.). Die Asiteras leiten das Fest, das in ein Fress- und Saufgelage ausläuft, mit dem Schlachten eines Opferthieres ein, indem sie unter Hersagen verschiedener Stossgebete und Ausrufungen mit dem Opferblute die Umstehenden oder das Anitobild besprengen. Die Asiteras geben vor, von einem Anito begeistert zu sein (Lillo 20). Zum Abhalten dieser religiösen[9] Feste, Cañaos, besitzt jedes Dorf einen kleinen Schuppen, vor dem ein offener Platz sich befindet (Lillo 24).

Das Erscheinen des Regenbogens halten die Igorroten für ein gutes Omen, kreuzt hingegen eine Schlange den Weg, so kehren sie augenblicklich um (Mas, pobl. 16). Wenn sie irgendwohin aufbrechen wollen, so zünden sie ein Feuer an, schlägt der Rauch nach der ihrem Ziele entgegengesetzten Richtung, so halten sie diess für ein sehr schlimmes Zeichen und unterlassen sofort den Zug (Mas, l. c.). Unter ihren „abergläubischen” Bräuchen verdient folgender einer Erwähnung: Wenn bei dem Neubaue eines Hauses Jemand bei der Errichtung der Grundpfeiler niest, so muss der Bau sofort unterlassen werden, sonst würde von den Betheiligten einer bald sterben müssen (Lillo 23).

Das Christenthum hat zwar bei ihnen Eingang gefunden, breitet sich aber nur langsam, wenn auch sicher, aus. Man hat schon in den vergangenen Jahrhunderten Versuche gemacht, sie zum Christenthume zu bekehren, aber P. Mozo (Misiones 80) gesteht freimüthig, dass die wenigen Igorroten, welche die Taufe nahmen, diess nur thaten, um ihre Stammesgenossen um so leichter und wohlfeiler mit Mänteln, Schweinen, Kühen und (Palm-) Wein zu versehen.

Über ihre nationalen Rechtsverhältnisse ist mir so gut wie Nichts bekannt. In zweifelhaften Fällen waren Gottesurtheile, wenn ich diesen Ausdruck hier anwenden darf, üblich. Zwei Arten derselben erwähnt Lillo (Lepanto 20). Mit einem spitzen Eisen von der Grösse und Gestalt eines kleinen Nagels werden die Köpfe der Streitenden geritzt, wer bei dieser Operation mehr Blut verliert, hat den Streit verloren. Ein anderes Mal wird ein kleiner Scheiterhaufen angezündet, worauf jeder der Streitenden ein gefesseltes Huhn in die Flammen wirft. In dem Augenblicke, wo die armen Thiere in den letzten Zügen liegen, werden sie wieder aus dem Feuer herausgezogen und der Leib geöffnet, wessen Huhn eine grössere Galle besitzt, der hat den Process verloren.

Das Jahr zählen sie nach Ernten, die Monate nach Monden, die Stunde nach dem Stande der Sonne (Lillo 44). Ihre Gesänge sind monoton und nach unseren Begriffen unharmonisch, der Kriegsgesang besteht eigentlich nur aus einem gellenden Geschrei (Lillo 24). Ihre Musikinstrumente sind nicht zahlreich, zu erwähnen wäre zunächst der Batitin, eine Trommel aus einem ausgehöhlten Baumstamme (Lillo 28), denselben Namen giebt Semper (Erdk. XIII, 93), nur mit einer geringen Modification—batiting—, den auch bei den Igorroten üblichen Gongs. Prof. Semper erwähnt an derselben Stelle auch eine Trommel, welche die Form einer Kanone besitzt und mit einem Stück Stierleder überzogen ist. Der Gong der Igorroten von Lepanto heisst la Ganza, er besteht aus Bronze. Zur besseren Handhabung ist an die Ganza ein Henkel angemacht, welcher aus dem Kinnbacken eines Feindesschädels besteht, so adjustirte Ganzas haben einen besonderen Werth (Lillo 29).

Die vornehmen Igorrotenfamilien wetteifern miteinander in Veranstaltungen von grossen Festschmäusen. Zu diesen Festen werden nur die Vornehmsten des Ortes persönlich eingeladen, die übrigen Dorfbewohner erscheinen auf das Signal von Trommelschlägen. Ehe das Gelage seinen Anfang nimmt, wird getanzt. Bei den südlichen Igorroten treten bei solchen Festen als Tänzer ein Weib mit drei bis vier Männern auf. „Das Weib dreht sich, die Arme bald weit ausstreckend, bald sie über die Brust kreuzend, wobei sie sich tief gegen die (schon bereitstehenden und mit Reisbier gefüllten) Krüge verneigt, nach einer Seite im Kreise um diese herum, in entgegengesetzter Richtung bewegen sich die Männer, deren Anführer ein breites buntfarbiges Tuch über Brust und Schultern trägt und lebhaft mit den Armen gesticulirt” (Semper, Erdk. XIII, 93). Der Tanz der Igorroten von Lepanto besteht in einem schnellen Bewegen der Beine, ohne die Füsse vom Boden zu erheben oder den Körper zu bewegen, dabei halten die Mädchen ein Tuch in den Händen, hinter welchem sie sich anscheinend zu verbergen suchen, ähnliches thut der Mann, nur fingirt er das fehlende Tuch; es tanzt immer nur ein Paar, welches rasch durch ein anderes ersetzt wird (Lillo 29).

Beim Kriegstanze ahmen die mit Schild und Lanze bewaffneten Tänzer ein Gefecht nach (Lillo, l. c.), doch beginnt diese Sitte rasch zu schwinden, da bei den den Spaniern unterworfenen Igorroten keine Kriege mehr geführt werden.

Ihre Industrie ist nur in Bezug auf Metallarbeiten und Bergbau von Belang. Sie besitzen zwar kleine Webeapparate (Lillo 42), können aber damit nur den geringsten Theil ihres Bedarfes an Baumwollgeweben decken. Aus der Rinde des mächtigen Baumes Baliti bereiten sie durch Klopfen und Dörren an der Sonne einen überaus haltbaren Stoff, welchen sie zu ihrem Kopfbunde, zu Schlafteppichen &c. verwenden (Scheidnagel 126). Im Flechten von Körben, Matten und Hüten sind sie sehr geschickt, letztere Industrie nimmt immer mehr an Bedeutung zu. Aus Holz werden verschiedene Sachen, als Tabakspfeifen, Schüsseln &c. geschnitzt. Die „Latoc” genannte Holzschüssel hat zwei Höhlungen, eine für das Salz, die andere viel grössere für die eigentliche Speise (Scheidnagel 126). Sie sind ausgezeichnete Schmiede, ihre Werkstätten liegen nie im Dorfe, sondern tief im Walde versteckt (Semper, Erdk. XIII, 92). Aus Kupfer fabriciren sie Kessel, Kochtöpfe, Tabakspfeifen, Ketten und ähnliche Dinge. Auch Felle wissen sie gut zuzubereiten, besonders verdienen die aus dem bunten Felle der Bergkatze bereiteten Tabaksbeutel Beachtung (Scheidnagel 127).