Schon hatte Proles einige Male nach Rom reisen müssen und hatte dabei das dortige Unwesen selbst angesehen. Auf einer neuen Reise dahin begriffen, ward er plötzlich in den Bann gethan und mußte, von Banditen und Meuchelmördern verfolgt, heimlich aus Welschland fliehen. Der Erzbischof von Magdeburg bewirkte seine Lossprechung, doch sollte er sich selbst in Rom stellen und sich verantworten. Im hohen Alter trat er zum vierten Male den Weg an. Unterwegs, an der Gränze von Deutschland, ließ ihn ein Kardinal durch einen geheimen Boten warnen, ja nicht nach Rom zu gehen. Er achtete den Rath, kehrte um, sah aber die Himmelpforte nicht wieder, sondern starb am 6. Juni 1503 in dem Kloster zu Kulmbach.

»Friede sei mit seiner Asche!« sprach in gerührtem, feierlichen Tone der Prediger. Ja, und mit dem Kloster Himmelpforte auch! fügte der Archivarius hinzu, denn von diesem habe ich nichts mehr zu erzählen, als die Geschichte seines traurigen Untergangs.

X.

Der Archivarius, der während seines Fluges durch ein Paar Jahrhunderte der Vorzeit die ängstliche Berechnung der Minuten der Gegenwart vergessen zu haben schien, indem er, vermuthlich unbewußt, die Uhr wieder eingesteckt hatte, nahm jetzt willig Einiges von den ihm angebotenen Erfrischungen an und fuhr dann zu erzählen fort.

Das Augustiner=Kloster zu Himmelpforte fiel, wie wir mit Wehmuth eingestehen müssen, als eines der unschuldigen Opfer der menschlichen Ungerechtigkeit, durch deren Beimischung das sonst so herrliche Werk der durch Luther herbeigeführten Kirchenverbesserung des 16ten Jahrhunderts befleckt und getrübt ward. Einer nicht unglaubhaften Ueberlieferung zufolge hatte das Kloster Himmelpforte diesen Mann Gottes 11 Jahr vorher, ehe er sein Reformationswerk anfing, im Jahr 1506 in seinen Mauern gesehen und der Jüngling hatte damals mit prophetischem Geiste dem Glanze, den er in dem Kloster zu Walkenried wahrgenommen hatte, sein nahes Erlöschen verkündigt. Diese Prophezeiung Luthers war in Erfüllung gegangen. Das Kloster Walkenried war eines der ersten gewesen, welches von den, die evangelische Freiheit so übel und so ganz gegen den Geist Luthers mißverstehenden und mißbrauchenden thüringischen Bauern, in dem von ihnen erregten Aufruhre, dem sogenannten Bauernkriege, unter Anführung des wüthenden Thomas Münzer, zerstört war. Ein gleiches Schicksal hatte bald darauf das Kloster Huysburg getroffen, welches am 9. Mai 1525 in Brand gesteckt wurde.

Auch die Klöster zu Ilsenburg, Drübeck und Wasserleben waren geplündert, während die Himmelpforte noch verschont geblieben war. Aber dafür erging es ihr dann desto schlimmer.

Es lebte damals in Wernigerode ein Barbier, Wilhelm Wiardes, gewöhnlich Wilhelm Barbier genannt. Dieser brachte in einer Frühlingsnacht des Jahres 1525, das Datum ist nicht genau bekannt, die friedlichen Bürger der Stadt in Aufruhr, indem er von einem Trommelschläger, den er sich zu verschaffen gewußt hatte, Lärm schlagen ließ und die versammelte Menge ermahnte, ihm gen Schauen zu folgen, wo damals ein großes, zu dem Kloster Walkenried gehöriges Gut war, die Inhaber zu verjagen, den Hof anzuzünden und was sie fänden, zu nehmen. Doch der Rath der Stadt ließ sogleich deren Thore verschließen und verhinderte dadurch die sofortige Ausführung dieses bösen Vorhabens.

Aber Wilhelm Barbier ruhete nicht; am andern Morgen stand er wieder am Platze und nun gelang es seiner Ueberredungskunst, sich Anhang zu einer näheren und leichteren Expedition zu verschaffen. Nach der nahen Himmelpforte ging der Zug, der unterwegs noch verstärkt ward. Man stürmte das Kloster, räumte aus Alles, was da war an jeglichem Vorrath, trieb Pferde, Kühe und Schweine fort, jeder nahm, was er kriegen konnte, endlich wurde das Kloster sammt der Kirche mit verwegener Hand in Brand gesteckt. Zwar fielen die Rädelsführer und mehrere von deren Gesellen in die Hände der Gerechtigkeit, kamen aber mit einer viel zu leichten Strafe davon. Wilhelm Barbier war zum Tode verurtheilt. Indessen die Fürbitte der Herzogin Elisabeth von Braunschweig, die damals gerade in Wernigerode anwesend war, vermochte den Grafen Botho dazu, die Strafe dahingehend zu mildern, daß er zu einer ewigen Verweisung aus dem Gräflich Stolbergischen Gebiete und 10 Meilen im Umkreise desselben verdammt wurde. Seine Gefährten kamen mit kurzer Haft und leichter Geldbuße davon.

Inzwischen hatten bei der Zerstörung des Klosters die Mönche ihr Heil in der Flucht gesucht, auch ihre Dokumente und einen Theil ihrer Habe gerettet. Der Sage nach sollen sie ihre Flucht zunächst in den über der Himmelpforte gelegenen Wald genommen und sich da an der Stelle gelagert haben, welche zum Andenken noch heute die Mönchenlagerstätte genannt wird und an einer prächtigen alten Buche kenntlich ist. Die Vernichtung des Klosters war nicht von der Art, daß eine Wiederherstellung desselben mittels des übrig gebliebenen Vermögens an Grundbesitz und ausstehenden Kapitalien unmöglich gewesen wäre. Es fehlte im Grunde wohl nur an Lust dazu. Der größere Theil der Mönche mochte sich seiner Erlösung von dem bisherigen Joche freuen. Besonders mochte dies bei dem damaligen Prior des Klosters selber der Fall sein.

Dieser hieß Hermann Inmann. Er gab sich gar keine Mühe, die Wiederherstellung des Klosters zu bewirken, was er sonst wohl vermocht hätte. Denn der schon erwähnte damalige Landesherr, Graf Botho der Glückselige, war ein eben so gerechter und billiger, als weiser und frommer Fürst, voll Großmuth und Milde, ein recht ächter Stolberger. Zwar konnte diesem an der Wiederherstellung des Klosters nichts gelegen sein, da er selbst ein Freund und Beförderer der Reformation war, und der veränderte Geist der Zeit brachte es mit sich, die Klöster als eine schändliche Last des Landes, oder wenigstens als unnützlich und überflüssig anzusehen. So ernstlich Graf Botho gewiß die frevelhafte Zerstörung der Klöster mißbilligte, so mochte er sich doch nicht berufen fühlen, die einmal eingegangenen wieder neu einzurichten. Aber was er nicht fördern mochte, wollte er darum nicht gerade hindern. Es geschah daher mit seiner Erlaubniß, daß einige Mönche des Klosters Himmelpforte, einen gewissen Gröning an ihrer Spitze, einen Versuch zu der Wiederherstellung des Klosters machten, der aber bald scheiterte, indem der Anführer selbst der erste war, der sich wieder entfernte. Nach Mißbilligung dieses Versuches aber traf Graf Botho, als natürlicher Erbherr des Klosters, solche Maßregeln, wie sie den Umständen angemessen erschienen. Er ließ zur Abfindung der jüngeren Mönche, welche die Freiheit, in die Welt zu gehen, benutzen wollten, einige Klostergüter und Verschreibungen aufnehmen und umsetzen, den älteren Mönchen dagegen sicherte er lebenslänglichen Unterhalt zu, während er den Prior Hermann Inman selbst noch besser bedachte, indem er ihn mit einigen Gütern des Klosters, unter anderem dem in der Stadt Wernigerode auf dem Klinte gelegenen sogenannten Mönchenhofe erbzinslich belehnte.