»Ach, entschuldigen Sie,« unterbrach hier der Förster dem Archivarius, »daß war wohl der nachher sogenannte Rektorhof, in dessen großem Garten wir uns als Schüler so oft getummelt haben und wo es als eine Probe des Muthes galt, wenn sich einer von uns recht weit in den dunkeln unterirdischen Gang hineinwagte, der nach der Himmelpforte geführt hat?«
»Haben soll!« verbesserte der Archivarius eilig, denn das ist für eine bloße Fabel zu achten, während allerdings die nachmalige Rektorei der vormalige Mönchenhoff war, der, als dem Kloster Himmelpforte angehörig, insofern mit demselben zusammenhing.
Nun, sagte der Förster, vergeben Sie nur, daß ich Sie störte. Hat nichts zu sagen! erwiederte der Archivarius. Doch wo bin ich nur stehen geblieben? Ja, um wieder auf den Prior Hermann Inmann zu kommen: derselbe heirathete bald nachher und hinterließ bei seinem Tode auch eine Tochter, Judith mit Namen. Ein unwillkürliches Niesen des Försters, der eben eine Priese genommen hatte, unterbrach hier noch einmal den Archivarius, der sich aber durch das dadurch veranlaßte Gelächter nicht weiter irre machen ließ, sondern ohne darauf Rücksicht zu nehmen fortfuhr: Die Verpflegung der noch übrigen 4 alten Mönche übernahm nachher, der Verfügung des Grafen Botho zufolge, der Magistrat zu Wernigerode gegen ein jährliches Kopfgeld, räumte ihnen zur gemeinschaftlichen Bewohnung ein hinter dem Thurme der Sylvestri-Kirche gelegenes Haus ein und erhielt dafür alle Obligationen und Zinsen den Klosters, welche letztere nach dem Aussterben der Mönche sammt deren Nachlaß den Armen anheim fallen sollten.
In den Ueberresten des Klosters Himmelpforte selbst wurde bald nach dessen Zerstörung eine Ziegelbrennerei angelegt, welche indessen wieder einging, nachdem sie die Ziegeln zum Wiederaufbau der im Jahr 1528 abgebrannten Stadt geliefert hatte. Später wurde sie noch einmal wieder hergestellt, aber gleichfalls ohne langen Bestand. Die Mauern wurden nachgerade abgebrochen und die Steine als Baumaterial zu anderweitiger Benutzung abgeführt. Der größte Rest derselben diente mit zum Wiederaufbau der Stadt nach dem Brande von 1751. Noch im Anfange unseres jetzigen Jahrhunderts fehlte es nicht an thörichten Menschen, welche den Grund und Boden der Himmelpforte durchwühlten, in der Hoffnung, Schätze, die hier von den Mönchen vergraben sein möchten, heben zu können. Es waren aber keine Schätze zu finden, aus dem Grunde, weil keine da waren.
Allerdings ein zureichender Grund! sagte der Prediger lachend, indem er dem Archivarius, der von seinem Thorne herabzusteigen suchte, hülfreiche Hand leistete. Aber, fuhr er fort, wer aus den Archiven, wo sie begraben liegen, solche Schätze interessanter und lehrreicher Geschichten unserer Vorzeit auf eine so geschickte Weise zu heben versteht, wie Sie es uns so eben gezeigt haben, werther Freund, dem gebührt mindestens unser Aller schönstes Lob und wärmster Dank dafür. - Ja wohl, ja wohl! stimmte die ganze Gesellschaft ein und umringte mit frohem Jubel den Archivarius, der sich indessen die Ohren zuhielt und sich durch das Gedränge hindurch arbeitete, um in das Freie zu kommen.
XI.
Kaum war der Archivarius aus der Thüre des Jagdhäuschens hinaus und ins Freie gekommen, als er mit einer Lebhaftigkeit, die bei seinem Alter und seinem sonst so ruhigen und gesetzten Wesen desto mehr auffallen mußte, ein Geschrei erhob, gleich einem Wachtposten, der die Mannschaft in das Gewehr ruft. Heraus! schrie er, heraus! Kinder heraus! Alles heraus!
Man dachte im ersten Augenblicke, es sei ihm irgend etwas Ungeheures begegnet. Den kleineren unter den Kindern schien ganz graulich zu Muthe zu werden. Eins mochte denken, es sei einer der alten Mönche erschienen, das andere, es gälte, sich einer wilden Sau zu erwehren. Aber ein jeder, der dem wiederholten Rufe des Archivarius folgte, sah im Augenblicke seines Heraustretens seinen Schrecken in ein frohes Erstaunen und Entzücken verwandelt.
Denn, - man rathe, was sich erblicken ließ! Ohne daß darauf geachtet war, hatte während der Erzählung des Archivarius der Regen allmählich aufgehört. Das von Süd=West gekommene Gewitter war über das Thal der Himmelpforte hinüber nach Nord=Osten gezogen. Da stand es noch gleich einer grauen Wand, oder die regnenden Wolken hingen vielmehr wie Aescherlaken auf die Erde hernieder. Aber jetzt sandte die sinkende Sonne von Westen her ihre letzten Strahlen über den waldigen Rücken der Berge herüber und malte mit denselben in den nassen dunklen Hintergrund jedes Vorhanges ein prächtiges 7 farbiges himmelhohes Gewölbe, welches gleich einer Brücke über den grünen Wiesengrund des Thales und das in demselben hinunterfließende von dem Regenguß aufgeschwollene Bächlein gespannt war.
Ach! Ach! O wie wunderschön! Welch' ein prächtiger Regenbogen! So riefen bei diesem Anblick voll Entzücken die Kinder. - Aber der Prediger sagte im Tone der Mißbilligung: Ei was! Regenbogen? Der Name kommt mir für das, was wir heute hier sehen zu ordinär vor! Weiß keins von Euch dafür einen besseren Namen zu finden? Himmelpforte! Himmelpforte! riefen Alle auf einmal. Getroffen! erwiederte Vater Lehrwart. Und - setzte er hinzu, weil ihr meine Meinung so gut errathen habt, so will ich euch auch noch ein kleines Lied dazu sagen, welches ich vor Zeiten einmal gelernt habe und hoffentlich noch kann. Es heißt: