VI.

Schon während eines Theils seines letzten Vortrages war Vater Lehrwart stehen geblieben und hatte einige Male seinen Sohn Ernst durch bedeutungsvolle Winke erinnern müssen, daß er aufmerksam zuhören möge, anstatt seine Geschwister und die übrige Gesellschaft in ihrer Aufmerksamkeit zu stören. Ernst hatte zwar bis jetzt geschwiegen, aber mit sichtbarer Ungeduld, und hatte wenigstens nicht unterlassen können, durch Fingerzeige die Blicke Aller dahin zu richten zu suchen, wohin seine eigenen gingen. Diese hafteten an den, großen Gräbern ähnlichen, Unebenheiten und Hügeln, womit der Grund des Thales in der Gegend, wo der Vater Stillstand gemacht hatte, bedeckt war.

Als der Vater die Lebensgeschichte des heiligen Augustinus beendigt hatte, erhielt Ernst die Erlaubniß zu reden, der, wie es schien, sich nicht wenig darauf einbildete, kund thun zu können, daß jene Hügel die Stelle des vormaligen Klosters Himmelpforte bezeichneten, wobei ihn die Bestätigung des Herrn Archivarius, daß er Recht habe, gegen die etwanigen ungläubigen Zweifel der übrigen Kinder sicherte.

»Ja,« sagte dieser, »da liegen die wenigen Rest des Klosters begraben, von welchem wir, Eure Väter, als wir in eurem Alter waren, noch weit mehrere Ueberbleibsel erblickten. Mein seliger Vater aber hat noch einen Mann gekannt, in dessen Jugend die Mauern der Klosterkirche noch so vollständig vorhanden waren, daß bloß das Dach fehlte, nach dessen abgebrannten Balkenköpfen die Knaben mit Steinen zu werfen pflegten.«

Als die Augen der Gesellschaft eine Weile mit verwunderungsvollem Nachdenken auf diesem Platze geruhet hatten, that die Frau Archivarius den Vorschlag, den Beinen auch einige Ruhe zu gönnen und die bequemen Plätze zum Sitzen zu benutzen, welche einige gefällte Baumstämme darboten, die am Rande des den Wiesengrund des Thales bekränzenden Eichen= und Buchenwaldes hingestreckt lagen.

Dieser Rath wurde gern befolgt und auch die Erquickung wurde dankbar willkommen geheißen, welche Tante Elisabeth darreichte, indem sie aus ihrem Handkorbe Obst und einiges Backwerk hervorlangte und dasselbe in der Gesellschaft vertheilte. Unterdessen nahm Vater Lehrwart den unterbrochenen Faden der Erzählung wieder auf und sagte, er wolle mit der Geschichte des heiligen Augustinus nun noch einige Mittheilungen über den von ihm benannten Orden verknüpfen.

Ihr habt schon vorhin gehört, redete er die Kinder an, daß der heilige Augustinus nach seiner gänzlichen Sinnesänderung sich mit mehreren gleichgesinnten Freunden aus der Welt zurückgezogen hatte, um im Verein mit ihnen, abgesondert von der übrigen menschlichen Gesellschaft, ein einsiedlerisches Leben zu führen, und daß er später, nach seiner Erhebung zum Bischof, auch bei der, ihm zunächst untergebenen Geistlichkeit eine Art von Klosterzucht eingeführt hatte. Es war natürlich, daß bei dem großen Ansehen, worin dieser Mann stand, die von ihm aufgestellten Regeln bald in mehreren schon vorhandenen und neu eingerichteten Klöstern zur Richtschnur erwählt wurden. So entstand der Augustiner=Mönchs=Orden, der sich in zwei Klassen theilte, von denen die eine die der Eremiten, die andere die der regulären Kanoniker oder der regulierten Chorherren genannt ward. Die ersteren ahmten das einsiedlerische Leben Augustin's in seiner Zurückgezogenheit von der Welt nach. Die letztern waren solche, mehrentheils zu einer Kirche gehörige Geistliche und Kirchendiener, welche die von Augustinus bei der Geistlichkeit von Hippo eingeführte klösterliche Lebensordnung zu ihrem Vorbilde erwählten. Diese wohnten gewöhnlich in größeren Städten in der Nähe einer Hauptkirche, wenn nicht in einem Hause beisammen, doch in aneinander stoßenden Häusern und kamen zu gewissen Stunden des Tages und selbst der Nacht zu gemeinschaftlichen Andachtsübungen oder auch zu gemeinschaftlicher Mahlzeit zusammen. Jene, die Eremiten, baueten sich dagegen in der Regel ihre Klöster in einsamen, von den Städten abgelegenen, stillen Gegenenden auf, obgleich sie sich späterhin mitunter auch in Städten und Flecken anbaueten.

Beide Klassen des Augustiner=Ordens unterschieden sich auch durch die Kleidung. Die Eremiten trugen einen schwarzen Rock mit weiten Aermeln, der bis auf die Knöchel herabhing und unserm jetzigen Chorrocke sehr ähnlich war, um den Leib einen ledernen Gürtel und in der Hand einen langen Stab. Die Kleidung der Chorherren aber war weiß.

Die Eremiten gehörten zu den sogenannten Bettel=Mönchen, die von Zeit zu Zeit in der Umgegend ihrer Klöster zu ihrer Unterhaltung milde Beiträge einsammelten. Die Chorherren aber nicht. Eine recht feste Einrichtung erhielt der Augustiner=Orden übrigens erst durch den Papst Alexander IV. im Jahre 1256. Mehr als fast in allen anderen Klöstern war in denen der Augustiner Gelehrsamkeit und Bildung zu finden, selbst die Benediktiner wurden darin in mancher Hinsicht von den Augustinern übertroffen, wozu ohne Zweifel bei den letztern ihre häufige Beschäftigung mit den vielen geistreichen Schriften des großen Stifters ihres Ordens viel beitrug.

Diese Anstalten dienten nach dem Rathschlusse der göttlichen Vorsehung dazu, um in der Nacht eines finstern Zeitalters die fast erloschenen Funken eines heiligen Feuers am stillen und verborgenen Orte so lange zu hegen und zu nähren, bis sie, angefacht von dem lebendigen Odem seines Geistes, zu seiner Zeit wieder zu einer hellleuchtenden Flamme ausschlagen sollten.