Die Klosterregeln der verschiedenen Orden wichen von einender darin ab, daß sie mehr oder minder strenge Vorschriften für die tägliche Lebensordnung der Klosterleute enthielten. Darin aber stimmten fast alle überein, daß sie den, der einmal in den Orden aufgenommen wurde, durch ein feierliches Gelübde zum unbedingten Gehorsam gegen die Vorgesetzten, zum ehelosen Leben, zu vielen an gewissen Stunden des Tages und in der Nacht zu haltenden Andachtsübungen, zu mancherlei Selbstverläugnungen und besonders zu häufigem Fasten verpflichteten. Doch wurde unter dem Fasten nicht die strenge Enthaltung von aller Speise, sondern nur die Verzichtung auf den Genuß des Fleisches an gewissen Tagen verstanden und auch dieß war wieder dadurch gemildert, daß dabei der Genuß von Fischen, als welchen man kein Fleisch zuschrieb, erlaubt war. Daher pflegten natürlich die Klosterleute so gescheut zu sein, dafür zu sorgen, daß es ihnen an Fischen nicht fehlte und legten alle viele Fischteiche in der Nähe ihrer Klöster an. Auch die Mönche des vormaligen Klosters Himmelpforte haben es so gemacht, wie ihr die deutlichen Spuren davon sogleich mit euren eigenen Augen sehen könnt.

Man hatte während der letzten Erzählung das Thal der Holtemme, in dem die Kolonie Friedrichsthal liegt, die nahe vor dem Westernthore von Wernigerode anhebt, verlassen und den Weg in ein Seitenthal eingeschlagen, dessen Anfangs ziemlich weite Mündung sich an dem Punkte, wo man jetzt stand, verengte. Hier sah man einen hohen Damm, der das Thal vormals geschlossen hatte, aber durchstochen war, so daß das sonst von dem Damme angehaltene und angesammelte Wasser eines kleinen Bächleins abfließen konnte. Mit verwunderungsvollen Ausrufungen, wodurch sie die folgende Fortsetzung der Erzählung des Vaters Lehrwart öfter unterbrachen, zählten die Kinder nachher noch sechs bis sieben ähnliche Dämme in dem Thale, in welchem man weiter hinauf stieg.

Vorerst sah sich der Vater Lehrwart genöthigt, eine kleine Pause in seiner Erzählung zu machen, weil der Fußpfad, den man verfolgte und der an dem Bergabhange zur Rechten des Thalgrundes hinlief, so schmal war, daß die Gesellschaft sich in eine lange Reihe auflösen mußte und nur einzeln hintereinander hergehen konnte.

V.

Nachdem der Weg wieder breiter geworden war und sich die Gesellschaft wieder näher um ihn versammelt hatte, fuhr Vater Lehrwart fort.

Unter den vielen Mönchsorden, die nach gerade entstanden, zeichnete sich in mancher Hinsicht sehr vortheilhaft der Augustiner=Orden aus, der uns näher angeht, weil das Kloster Himmelpforte ein Augustiner=Kloster gewesen ist. Dieser Orden leitete seinen Ursprung von einem der berühmtesten christlichen Kirchenlehrer, dem gewöhnlich so genannten heiligen Augustinus ab, von dessen merkwürdiger Lebensgeschichte ich Euch Etwas erzählen muß.

Er hieß eigentlich Aurelius Augustinus und wurde zu einer Zeit geboren, wo das Christenthum in dem damaligen großen Römischen Reiche, zu dem auch sein Geburtsland, das nördliche Afrika, gehörte, immer mehr herrschend ward, nämlich ohngefähr 50 Jahre nachher, nachdem der Römische Kaiser Constantin der Große selber ein Christ geworden war. Auch die Eltern des Augustinus waren schon Christen; sein Vater, ein vornehmer Mann, war wenigstens ein Christ dem äußeren Bekenntniß nach; seine Mutter aber, die Monika hieß, war eine recht lebendige und eifrige Christin und wandte allen Fleiß daran, ihren lieben Sohn von Kind auf mit der heiligen Schrift bekannt zu machen und ihn aus derselben zu unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christum. Doch schienen ihre Bemühungen nicht gelingen zu wollen. Denn während der junge Augustinus auf den niederen und höheren Schulen, auf die ihn sein Vater schickte, mancherlei Wissenschaften erlernte, die dazu gehörten, um einmal einen tüchtigen Advokaten abgeben zu können, so hielt er dabei doch wenig auf das Wort Gottes, das ihm viel zu einfältig vorkam, und führte ein leichtsinniges und ausschweifendes Leben.

Bei seiner großen Wißbegierde ließ er sich durch den lockenden Reiz des geheimnißvollen Wesens verleiten, unter die Manichäer zu gehen, eine damals weit verbreitete Sekte von Menschen, die Christenthum und Heidenthum mit einander vermengten und vorgaben, oder sich selbst einbildeten, in den Lehren des Mannes, eines gewesenen Magiers, den Schatz einer viel höheren Weisheit, als die des Christenthums, zu besitzen. Diese ihre vermeintliche Weisheit hielten sie aber geheim. Neun Jahre lang brachte Augustinus als Lehrling in der Mitte dieser Leute zu, ohne daß er in ihre Geheimnisse eingeweiht wurde, bis er endlich einsah, daß er getäuscht sei. Nachher meinte er in den Schriften des Griechischen Weltweisen Plato alle Weisheit gefunden zu haben, während es ihm doch noch immer an dem Anfange der wahren Weisheit, der Furcht Gottes, mangelte, indem er sein Herz und Leben nicht besserte. Ueber das Alles war natürlich seine fromme Mutter Monika sehr betrübt. Sie klagte einstmals ihr Leid unter vielen Thränen einem frommen christlichen Bischofe, indem sie ihn bat, doch einmal eine Unterredung mit ihrem Sohne zu halten, um ihn von seinen Irrthümern zu überzeugen zu suchen. Allein der Bischof antwortete, es würde bei dem jungen hitzigen Manne mit Disputieren nichts auszurichten sein, sie sollte nur fleißig für ihn beten, daß ihn Gott mit seinem heiligen Geiste erwecken und erleuchten möge, und fügte die tröstliche Verheißung hinzu: ein Sohn so vieler Thränen könne unmöglich verloren gehen! Das Wort dieses Mannes bewährte sich bald wunderbar. Augustinus war nämlich unterdessen als Lehrer der weltlichen Redekunst an die hohe Schule zu Mailand berufen. Da lockte ihn die große Beredsamkeit des dortigen Erzbischofs, des heiligen Ambrosius, an, so daß er denselben oft und gern predigen hörte, obgleich es ihm dabei nicht um die Erbauung seines Herzens, sondern nur um die Ergötzung seiner Ohren zu thun war. Doch endlich wurde er in seinem Gewissen von der Kraft des göttlichen Wortes getroffen, entschloß sich von Stund' an zu gänzlicher Aenderung seines Sinnes und Wandels, ließ sich taufen, gab sein Rhetor=Amt auf und ging wieder in sein Vaterland Afrika, wo er sich ganz aus der Welt in einen Kreis gleichgesinnter, frommer Freunde zurückzog, mit denen er sich zu einem gemeinschaftlichen, stillen und gottseligen Leben vereinigte. Drei Jahre lang hatte dieses klösterliche Leben Augustinus gewährt, als er gegen seinen Willen aus seiner Zurückgezogenheit wieder hervorgeholt und als ein brennendes und scheinendes Licht der Welt auf einen hohen Leuchter gestellt ward. Er wurde nämlich in Hippo, der Hauptstadt derjenigen Gegend von Afrika, wo er sich aufhielt, zuerst zum Presbyter erwählt und nachher sogar zum Priester erhoben. Als solcher führte er ein klösterliches, nach gewissen Regeln geordnetes Leben auch bei den ihm untergebenen Geistlichen ein, was sich als eine sehr zweckmäßige Maßregel bewährte.

Der Ruhm und Einfluß seiner eifrigen Wirksamkeit, und besonders seiner tapfern geistlichen Bekämpfung der vielen Irrlehrer damaliger Zeiten verbreitete sich bald fast über die ganze christliche Kirche. Seinen großen Fleiß beweisen seine vielen geistreichen Schriften, die auf uns gekommen sind. Er starb im Jahre 430, während seine Stadt von den wilden Horden der Vandalen belagert ward, die sie bald nachher auf eine schreckliche Weise zerstörten. In den folgenden Zeiten des Aberglaubens, unter der Herrschaft des Pabstthums, wurde Augustinus als ein Heiliger verehrt, und seine angeblichen Todtengebeine wurden gleich denen anderer sogenannten Heiligen als kostbare, wunderthätige Reliquien angesehen.

Während wir Gottlob von solchem Aberglauben befreit sind, so muß doch auch uns evangelischen Christen das Andenken dieses Mannes desto werther sein, weil die beiden großen Reformatoren Luther und Calvin in der Hochschätzung gegen ihn einerlei gesinnt waren und, wie sie selbst dankbar bekannten, aus seinen Schriften viel gelernt haben.