Du weißt doch, in welchem Welttheile das Land Kanaan liegt, von welchem Jakob dazumal ausging? In Asien. Wie heißt dagegen der Welttheil, in welchem wir wohnen? Europa! Wie weit meinst du wohl, daß es von uns bis dorthin sei?« Ernst besann sich einen Augenblick und erklärte dann, indem er sich lachend vor die Stirn schlug: Ach, viele hundert Meilen weit. - Jakob aber, wie lange war der erst gegangen, als er das Nachtlager hielt, während dessen er im Traume die Himmelsleiter erblickte? Mit zunehmendem Lachen sagte Ernst: Er war erst einen Tag lang gegangen! Und also - half der Vater fort, - kann der Ort, den Jakob die Himmelpforte nannte, nicht unsere Himmelpforte gewesen sein.

Nun erfordert aber die Billigkeit, fiel hier der Archivarius ein, daß Sie, mein lieber Freund, das Unrecht vergüten, welches Ihrem Sohne geschehen ist, als er so sehr ausgelacht wurde und daß Sie die in seinem Irrthume verborgen liegende Wahrheit an's Licht ziehen; denn sicher hat er die Glocke läuten gehört, nur ohne zu wissen, wo sie hängt, wie man zu sagen pflegt. Ja, sagte Vater Lehrwart, Ernst wird wohl früher schon von mir gehört haben, daß einst in unserer Himmelpforte wirklich ein Gotteshaus, ein Gott geweihtes Heiligthum gestanden und daß der Ort daher seinen Namen erhalten hat. Vielleicht habe ich ihm damals auch gesagt, daß das sonst hier befindlich gewesene Gotteshaus vermuthlich seine Entstehung einem ähnlichen Gelübde, wie das des Erzvaters Jakob war, zu danken gehabt hat.

Nicht bloß vermuthlich, entgegnete der Archivarius, sondern wir dürfen dieß nunmehr als gewiß ansehen, nachdem vor einigen Jahren die Stiftungsurkunde des Klosters Himmelpforte im Archive des Johannisklosters zu Halberstadt aufgefunden worden ist. - Ei, sagte Vater Lehrwart, das ist mir ja lieb zu vernehmen! Ich wiederhole nun meine vorherige Bitte, daß Sie, mein werther Freund, jetzt an meiner Statt reden, und meinen Kindern in der Kürze das Wichtigste von der Geschichte des vormaligen Klosters Himmelpforte erzählen, was mir doch nur aus Ihren schätzbaren Mittheilungen in einem früheren Jahrgange unseres Wochenblattes bekannt ist. Das will ich gern thun, erwiederte der gefällige Freund, und ich werde dabei jene Mittheilungen durch Angabe einiger Umstände berichtigen und ergänzen können, die damals mir selbst noch unbekannt waren. Aber es heißt ja im Sprüchwort: Schuster, bleib' bei deinen Leisten! Und ich würde Ihnen vorgreifen, wenn ich es nicht Ihnen selbst überließe, unseren Kindern vorerst das Nöthige über die Klöster überhaupt und über den Augustiner=Orden insbesondere zu sagen, was wir doch wohl billig der Geschichte des Klosters Himmelpforte vorangehen lassen.

In letztrer Hinsicht haben Sie Recht, sagte Vater Lehrwart; ich will das Meinige thun und mich dabei kurz zu fassen versuchen.

IV.

Schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche, so begann Vater Lehrwart seine Erzählung, gab es unter den Christen manche, welche in ihrem ernstlichen und eifrigen Streben, ein recht frommes heiliges Leben zu führen, so weit gingen, daß sie sich ganz von der übrigen menschlichen Gesellschaft absonderten und in Höhlen und Wüsten begaben, um in der Einsamkeit desto ungestörter ihre Andacht verrichten und sich desto besser in der Enthaltsamkeit und Selbstverleugnung üben zu können. Unter den Leuten dieser Art, die man Eremiten oder Einsiedler nannte, erlange einen besonders großen Ruf der Frömmigkeit und Heiligkeit ein gewisser Antonius, der deshalb auch der Heilige oder der Große hieß und der zu der Zeit des ersten christlichen Kaisers, Constantin des Großen, 300 Jahre nach Christi Geburt, in Aegyptenland lebte. Zu diesem gesellten sich in seiner Einsamkeit bald mehrere gleichgesinnte Leute, welche ihre Hütten neben die seinige bauten und eine der seinigen ähnliche Lebensart führten. Dieß Beispiel von Vereinigung einer frommen Gesellschaft zu einer gemeinschaftlichen heiligen Lebensart fand anderweit Nachahmung. Man erbaute sich in abgelegenen, unbewohnten stillen Gegenden Häuser, in denen man zusammen mit anderen Gleichgesinnten wohnen und sich gemeinschaftlich mit ihnen der Andacht und Frömmigkeit befleißigen wollte. Solche Häuser wurden Klöster und die Bewohner derselben Mönche und Nonnen genannt.

Auch fehlte es nicht an reichen und vornehmen Leuten, welche zwar nicht selbst Lust hatten, das für besonders heilig und Gott wohlgefällig gehaltene Klosterleben zu führen, aber doch für Andere auf ihre Kosten Klöster erbauen ließen und dieselben überdem mit Gärten und Feldern und allerlei Einkünften zum Lebensunterhalte ihrer Bewohner ausstatteten, weil sie das für ein gutes Werk hielten, um dessen willen sie wähnten in den Himmel zu kommen.

Es hatte sich bald gezeigt, daß diejenigen, welche in den Klöstern lebten, nicht bloß Vorsteher, sondern auch bestimmte Gesetze haben müßten, nach denen sie sich richteten, damit Ordnung unter ihnen statt fände. Die Gesetze, welche in einem Kloster befolgt wurden, nannte man die Regel desselben. Alle die Mönche und Nonnen, welche dieselbe Kloster=Regel befolgten, machten zusammen einen Orden aus und pflegten auch zum Unterschiede von anderen eine besondere Kleidung zu tragen, fast wie die verschiedenen Truppen=Gattungen einer Armee.

Sie waren auch in der That gleichsam die geistlichen Soldaten des Papstes und trugen sehr viel zu der Ausbreitung und Aufrechterhaltung der angemaßten Gewalt dieses vermeintlichen Statthalters Christi auf Erden bei. Jeder besondere Orden hatte einen eigenen General. Ueber die Klöster eines Ordens, die sich in einem und demselben Lande befanden, war ein Provinzial gesetzt. Die Vorsteher der einzelnen Mönchsklöster pflegen Aebte, Prioren oder auch wohl Pröbste zu heißen. Die Nonnenklöster hatten Aebtissinnen oder Priorinnen an ihrer Spitze.

Anfangs gehörten zwar die Kloster=Leute mehrentheils dem weltlichen Stande an und nur zu den Vorstehern der Klöster pflegte man Geistliche zu wählen. In der Folge aber erlangten auch die meisten der Mönche, welche einige Gelehrsamkeit und Bildung besaßen, das Ansehen und die Rechte der Geistlichen und genossen dann auch in den Klöstern manche Vorzüge vor den übrigen Mönchen, welche Laienbrüder genannt wurden und geringere Dienste verrichteten, z.B. allerlei Handarbeit leisten, die Aecker und Gärten des Klosters bestellen, auch wohl in den benachbarten Städten und Dörfern terminiren d.h. umherziehen und milde Beiträge für die Unterhaltung des Klosters einsammeln, mit einem Worte: betteln mußten, während ihre geistlichen Brüder theils in der Umgegend predigten und andere gottesdienstliche Geschäfte verrichteten, theils der Jugend Unterricht gaben, theils innerhalb der Klostermauern in ihren Zellen allerlei Wissenschaften studirten und sich besonders viel mit dem Abschreiben der heiligen Schrift und anderer Bücher beschäftigten, wodurch sie sich um die Mit= und Nachwelt hauptsächlich verdient gemacht haben.