»O ja,« sagte Ernst, »man nennt die Kirchen so.« »Aber,« fuhrt der Vater zu fragen fort, »sind denn die Kirchen wirklich eigentliche Wohnhäuser Gottes?« »Nein!« sagten einstimmig die Kinder.
Unser junger Freund Hermann wird uns einen vortrefflichen Ausspruch des Apostels Paulus darüber anführen können, der in der Apostel=Geschichte im 17. Kapitel geschrieben steht. - Hermann Gründler sagte voll Ausdruck die Stelle her: »Gott, der die Welt gemacht hat und Alles, was darinnen ist, sintemal er ein Herr ist Himmels und der Erden, wohnet er nicht in Tempeln mit Händen gemacht; sein wird auch nicht von Menschenhänden gepfleget, als der Jemandes bedürfte, so er selber Jedermann Leben und Odem allenthalben giebt; und hat gemacht, daß von einem Blute aller Menschen Geschlechter auf dem ganzen Erdboden wohnen, und hat Ziel gesetzt, zuvor versehen, wie lange und wie weit sie wohnen sollen; daß sie den Herrn suchen sollen, ob sie doch ihn fühlen und finden möchten, und zwar er ist nicht fern von einem jechlichen unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir, als auch etliche Poeten bei euch gesagt haben: wir sind seines Geschlechts!« »Bravo!« lobte Vater Lehrwart den Sohn seines Freundes und richtete sogleich an die jüngeren Kinder desselben die Frage: »Wenn sich nun Gott allenthalben fühlen und finden läßt und wenn da, wo man sich zu Gott nahen und Gottes Nähe spüren und empfinden kann, eine Pforte des Himmels ist - wo giebt es dann eigentlich auch für uns Pforten des Himmels?«
»Allenthalben!« ließ sich Marie Gründler vernehmen. Vater Lehrwart bestätigte ihre Antwort mit der hinzugefügten Erklärung: »Allerdings, liebe Kinder, jeder Ort in der Welt kann zu einer Himmelpforte für uns werden und wird wirklich dazu, wenn wir uns an demselben in Ehrfurcht und Andacht zu Gott nahen und seine beseligende Nähe und Gegenwart fühlen. Weil uns aber die Kirchen die schönste Gelegenheit dazu darbieten, uns gemeinschaftlich zu erbauen und im Umgange mit Gott himmlischen Frieden und selige Freude in unseren Herzen erfahren und damit gleichsam einen Vorgeschmack des ewigen Lebens und der himmlischen Seligkeit genießen zu können, so verdienen denn auch die Kirchen in dieser Hinsicht besonders Gottes=Häuser oder Himmelspforten und Vorhöfe des Himmels zu heißen.«
Die nach diesen Worten Lehrwart's eintretende andächtige Stille unterbrach zuerst die Tante Elisabeth durch die an die kleine Sophie gerichtete Aufforderung: »Sag' doch einmal die schönen Verse her, die du auswendig gelernt hast und an die du durch die Worte des Vaters gewiß erinnert bist!« Die Kleine sagte: »Nicht wahr, Tantchen, du meinst die Verse: Wo wohnt der liebe Gott?« und als ihr die Tante freundlich aufmunternd zunickte, hob sie die folgenden Verse zu sprechen an und brachte sie auch glücklich ohne Stocken zu Ende:
"Wo wohnt der liebe Gott?
Sieh' dort den blauen Himmel an,
Wie fest er steht, so lange Zeit,
Sich wölbt so hoch, sich streckt so weit,
Daß ihn kein Mensch erfassen kann;
Und sieh der Sterne gold'nen Schein
Gleich als viel tausend Fensterlein:
Das ist des lieben Gottes Haus,
Da wohnt er drin und schaut heraus
Und schaut mit Vater=Augen nieder
Auf dich und alle deine Brüder!
Wo wohnt der liebe Gott?
Hinaus tritt in den dunkeln Wald,
Die Berge sieh' zum Himmel gehn,
Die Felsen, die wie Säulen stehn,
Der Bäume ragende Gestalt;
Horch, wie es in den Wipfeln rauscht,
Horch, wie's im stillen Thale lauscht!
Dir schlägt das Herz, du merkst es bald.
Der liebe Gott wohnt in dem Wald;
Dein Auge zwar kann ihn nicht sehen,
Doch fühlst du seines Odems Wehen!
Wo wohnt der liebe Gott?
Hörst du der Glocken hellen Klang?
Zur Kirche rufen sie dich hin.
Wie ernst, wie freundlich ist's darin!
Wie lieb, wie traut und doch wie bang'!
Wie singen sie mit froher Lust!
Wie beten sie aus tiefer Brust!
Das macht, der Herr Gott wohnet da!
Drum kommen sie von fern und nah,
Hier vor sein Angesicht zu treten,
Zu flehn, zu danken, anzubeten.
Wo wohnt der liebe Gott?
Die ganze Schöpfung ist sein Haus.
Doch, wenn es ihm so wohlgefällt,
So wählet in der ganzen Welt
Er sich die engste Kammer aus.
Wie ist des Menschen Herz so klein!
Und doch auch da zieht Gott herein;
O, halt' das deine fromm und rein!
So wählt er's auch zur Wohnung sein,
Und kommt mit seinen Himmelsfreuden
Und wird nie wieder von dir scheiden!"
Eine innige Rührung hatte während des Aufsagens der Verse die ganze Gesellschaft ergriffen. Die kleine Rednerin wurde mit einem zärtlichen Kusse sowohl von der Tante als auch von deren Freundin belohnt, die sich für ihre Kinder eine Abschrift der schönen Verse ausbat.
Die eingetretene ernste Stimmung wurde indessen bald auf eine kleine Weile dadurch gestört, daß ein sehr possierliches Mißverständnis zum Vorschein kam.
III.
Der elfjährige Ernst Lehrwart, der sich neidlos über den Beifall, den seine kleine Schwester erhalten hatte, mitfreute, wollte ihr vermuthlich auch den seinen bezeugen, hatte diese daher bei der Hand erfaßt, um sie zu führen und sagte zu ihr: »Komm, mein liebes Sophiechen, laß uns vorangehen, da wirst du weniger müde und dann sind wir die ersten in der Himmelpforte und ich zeige dir gleich die Stelle, wo Jakob geschlafen und wo das Gotteshaus, welches er nachher baute, gestanden hat!«
Bei diesen Worten brach die Tante Elisabeth in ein lautes Gelächter aus und sagte mit einem etwas schalkhaften Seitenblicke auf ihren Bruder: Nun, das muß ich sagen, das ist ein lustiger Irrthum! Dachte ich's doch beinahe, daß so etwas herauskommen würde, als der Vater bei seiner Erklärung des Namens der Himmelpforte so gar weit ausholte und bis auf die Geschichte des Erzvaters Jakob und seines Traumes von der Himmelsleiter zurückging. Die ganze übrige Gesellschaft stimmte in das Gelächter der Tante ein und Vater Lehrwart selbst nahm einen Augenblick daran Antheil. Doch faßte er sich bald wieder, als er sah, wie sehr sich Ernst beschämt dadurch fühlte, dem, ungeachtet aller seiner Bemühung sie zurückzuhalten, Thränen entfielen. Er redete ihm tröstlich zu mit den Worten: »Du hast nicht Ursach, mein Sohn, dich so sehr zu schämen und zu betrüben. Der Irrthum, in den du geraten und wegen dessen du so eben verlacht bist, ist sehr zu entschuldigen. Dein Vater selbst ist gewissermaßen Schuld an demselben gewesen. Uebrigens hättest du bei etwas mehr Nachdenken wohl auch von selbst einsehen können, daß die Himmelpforte, nach der wir gehen, nicht derselbe Ort sein könne, an welchem Jakob schlief, als er auf der Reise nach Haran in Mesopotamien begriffen war. Es bedarf nur, daß du auf einige Umstände aufmerksam gemacht wirst und du wirst dann selbst deinen Irrthum lächerlich finden.