»Nun, das wäre!« fragte verwundert der Archivarius.

Vater Lehrwart fuhr fort: »Ich meine die Geschichte des Erz=Vaters Jakob. Ihr wißt doch, wer der war, Kinderchen?«

»O ja,« gab eins zur Antwort, »es war der Sohn Isaaks.«

»Richtig,« belobte der Vater. »Ihr wißt, Isaak hatte zwei Söhne, Esau und Jakob. Esau verkaufte leichtsinniger Weise das Vorrecht seiner Erstgeburt für ein Linsengericht an seinen jüngern Bruder, und Jakob wußte durch einen listigen Anschlag seiner Mutter Rebekka auch noch obenein das zu erlangen, daß ihm der Segen zu Theil ward, den der alte Isaak eigentlich seinem erstgeborenen Sohne Esau zugedacht hatte. Um dem Zorne Esau's darüber auszuweichen und zugleich um sich eine Frau zu suchen, ergriff Jakob den Wanderstab und machte sich auf den Weg gen Haran in Mesopotamien, wo die Anverwandten seiner Mutter wohnten. Der Weg war weit, und nachdem Jakob eine Tagesreise gemacht hatte und die Sonne untergegangen war, sah er sich genöthigt, sein Nachtlager unter freiem Himmel zu halten. Er nahm also einen Stein, den er unter sein Haupt legte, und legte sich schlafen. Ungeachtet dieses harten Kopfkissens schlief er dennoch, ermüdet von dem langen Marsche, den er gemacht hatte, bald sanft und süß ein. Im Schlafe hatte er einen gar schönen, lieblichen Traum. Es träumte ihm nämlich, er sähe eine hohe Leiter auf der Erde stehen, die mit ihrer Spitze an den Himmel rührte. An der Leiter stiegen die Engel Gottes auf und nieder und oben auf der Höhe derselben stand Gott der Herr selbst und sprach zu Jakob: »Ich bin der Herr, der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams und der Gott Isaaks, und das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen zum Erbe und Eigenthum geben. Und deine Nachkommenschaft soll sehr groß und zahlreich werden und sich ausbreiten gegen Morgen und gegen Abend, Mittag und Mitternacht. Und durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst und will dich wieder herbringen in dieß Land, denn ich will dich nicht lassen, bis daß ich thue Alles, was ich dir geredet habe.« Da nun Jakob von seinem Schlafe erwachte, sprach er: »Gewißlich ist der Herr an diesem Orte und ich wußte es nicht!« Und erfüllt von Erfurcht sprach er weiter: »Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes denn Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels!« Und Jakob stand des Morgens früh auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte und richtete ihn auf zu einem Denkmahl, und goß Oel oben darauf, um ihn damit einzuweihen und hieß die Stätte Bethel d.h. Gottes=Haus, und that ein Gelübde und sprach: »So Gott wird mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brod zu essen geben und Kleider anzuziehen, und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der Herr mein Gott sein und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Mahle, soll ein Gotteshaus werden, und Alles, was Gott mir giebt, davon will ich den Zehnten dahin geben.«

Die Kinder hatten alle aufmerksam zugehört. Das kleine Heer ihrer flüchtigen Gedanken würde sich aber bald wieder zerstreut haben, wenn nicht Vater Lehrwart gesucht hätte, es durch einige hingeworfene Fragen beisammen zu halten. Er hob an: »Wer Achtung gegeben hat, wird wiederholen können, was Jakob an dem Orte sagte, wo ihm im Traume die Himmelsleiter mit den auf= und absteigenden Engeln und Gott der Herr selber erschienen war.«

Rasch war Louise mit der Antwort bei der Hand: »Er sagte: »Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist die Pforte des Himmels!«

»Warum,« fragte der Vater weiter, »mochte denn wohl Jakob meinen, hier sei die Pforte des Himmels?« - »Nun, was hatte sich für ihn an diesem Orte gleichsam eröffnet und aufgethan?« »Der Himmel!« riefen aus einem Munde die Kinder.

»Und als welches Herrn Haus oder Wohnung sah Jakob den Himmel an, dessen Pforte oder Eingang er an diesem Orte meinte gefunden zu haben?« - »Als Gottes Haus!« erwiederte Ernst.

»Was gelobte er daher, auf der Stelle der Erde, wo er mit dem Haupte auf dem Steine gelegen hatte, bauen zu wollen, wenn Gott seine Verheißung erfüllte?« »Ein Gotteshaus!« war die Antwort.

»Wißt ihr denn, was für Häuser man noch heutiges Tages Gotteshäuser zu nennen pflegt?«