Julie war von Arnolds Hand gestützt ins Schiffchen gestiegen und rief dem Zurückbleibenden zu: „So leben Sie glücklich und zufrieden! auf baldiges Wiedersehen beim Thee!“ — und als der Schiffer schon abgestoßen hatte, wendete sie sich nochmals um, mit freundlich bittender Stimme rufend: „Guter, lieber Blauhorn! Werden Sie mir denn vergeben, daß ich durch meinen sträflichen Leichtsinn Ihr Leben in Gefahr gebracht habe? Nochmals auf Wiedersehen ohne Groll!“

Arnold, der keinen Blick von ihren Zügen verwendete, sah in den schwarzen Augen, wie sie zu dem kleinen, bleichen Hofrath hinüberlachten, ganz den gleichen Glanz, der darin geschimmert, als sie ihm, Arnold, bei der ersten Begrüßung und dem Sprunge ans Ufer die Hand geboten. — Hatten diese Augen nur einen Glanz, diese Mienen, wenn man so sagen darf, dieselbe weiche schmeichelnde Melodie für alle Menschen und Lagen?

„Sie haben — begann Julie — dem guten Hofrathe Unrecht gethan. Der Mann ist in seiner dreifachen Eigenschaft als Gatte einer schönen bösen Frau, als eingebildeter Kranker und als Mitglied der Kommission, welche unsere Finanzen in Ordnung bringen soll, ein beklagenswerthes Geschöpf, und wenn ich ihm meinen Plaid nicht aufgezwungen hätte, so lief ich die dreifache Gefahr, ihn in eine wirkliche Krankheit zu stürzen, der bösen Frau in der Untergrabung seines Lebens behülflich zu sein und den Staat auf unbestimmte Zeit seiner unschätzbaren Leistungen zu berauben. Ich stellte ihm also das Ultimatum, entweder den Plaid umzulegen oder denselben von meiner Hand ins Wasser fliegen zu sehen.“ — „Das entschuldigt allerdings den guten Hofrath — entgegnete Arnold — aber nicht minder ungerecht als meine Anklage ist sicherlich der Vorwurf, den Sie sich selbst machten, als Sie von sträflichem Leichtsinn gegen sein Leben sprachen... konnten Sie den Sturm vorhersehen?“ —

„Der Vorwurf war nur gerecht. Ich bestand auf der Fahrt bei stark umwölktem Himmel und allen Anzeichen des herannahenden Gewitters. Und wenn mir — sagte sie mit ernstem Tone — die Folgen gleichgültig waren, so hatte ich wahrlich kein Recht, dasselbe von meinem Gaste vorauszusetzen.“

Es lag Etwas in Juliens ganzem Wesen, was den Eindruck verhinderte, den diese Worte unter andern Umständen, oder besser, aus anderem Munde, auf Arnold gemacht hätten — nämlich einen unangenehmen. Es war ihm unmöglich, ihr jene affektirte Gleichgültigkeit gegen das Leben zuzumuthen, in welcher sich manche in den glücklichsten Verhältnissen, wofür er die ihrigen hielt, lebende Frauen gefallen, und welche bei Gelegenheiten, wo es gilt, sich vorzüglich interessant zu machen, als förmliche Sterbesehnsucht auftritt.

Juliens Worte hatten aber das unverkennbare Gepräge des treuen Ausdruckes ihres Innern, und vielleicht war es die plötzlich auftauchende Besorgniß, sie falsch aufgefaßt zu sehen, was sie bestimmte, in heiterm, fast scherzendem Tone fortzufahren: „Ich nöthigte den unglücklichen Hofrath in den Nachen des Mannes, den alle Forellen des Sees unter dem Namen Fischerhans als böses Prinzip verabscheuen. Ich will nach dem Waldufer, es wird dunkel, der Hofrath beschwört mich ihm sein Leben zu schenken und Hans beantragt augenblickliche Umkehr. Ich lachte sie aus und bestehe darauf, wenigstens quer über die Bucht nach dem Hofe zurückzufahren. — Wenn wir’s nicht durchsetzen, sagt Hans, so treibt es uns in den untern See hinaus, und wenn der Wind gegen den Wetterstein umspringt, — — so haben wir, erwiedere ich, das rothe Kreuz, — wo wir landen. All das Gerede war aber schon vergeblich, mit dem ersten Donnerschlag fiel der Sturm ein, entführte meinen Strohhut, der Regen strömte herab, und nach einer Viertelstunde, in welcher jeder Augenblick der letzte schien, stießen wir so gerade und pünktlich auf den Sand am rothen Kreuz, daß ich Hans vollkommen Recht gebe, wenn er behauptet, mein Schutzengel allein habe das Schiff gelenkt. — Als der Sturm nachließ, befahl ich ihm nach dem Freinhof zu fahren, wo man nichts von unserer Fahrt wußte, und das Herrenschiff herzuholen. In der Zwischenzeit kam das schöne Abendroth, kam Ihr Nachen, dem ich mich nun anvertraut habe, obwol er um nichts besser als der fortgeschickte, — und ich freue mich, daß meine Erlösung nicht auf dem geraden, langweiligen, legalen Wege, sondern gerade so gekommen, wie sie eben gekommen.“

Es schien Arnold bei Juliens letzten Worten, als ob die Augen doch nicht nur einen Glanz hätten. Es verstrichen ein Paar Minuten und er vermochte nicht das Gespräch am Ende des so freundlich dargebotenen Goldfadens anzuknüpfen. Nur eines Haares Breite lag zwischen der glücklichsten Antwort und dem schmählichsten Gemeinplatz.

„So viel ist gewiß, sagte er, daß Glück und Verdienst wieder einmal in grellem Mißverhältnisse stehen. Mir wird die Freude zu Theil, Sie in meinem Nachen zu führen, — aber erst nachdem die Vorsehung Sie aus der wirklichen Gefahr gerettet. Der schöne Traum einer Rettung durch mein Kommen läßt sich nun einmal nicht festhalten. Er ist verschwunden wie die Goldstickerei, welche der Glanznebel für mein Auge auf Ihr graues Kleid geworfen.“

„Das ist hübsch gesagt, erwiederte sie, — derselbe Goldnebel hat auch über Sie, als ich Sie durch ihn herankommen sah, so etwas wie einen Heiligenschein geworfen. — Wir haben nun unsere beiderseitigen Verklärungen abgestreift, so wie die Situazion alles Schauerliche. — Eine halberfrorne Frau, welche auf ihr Schiff wartete, hat vorgezogen, in dem Nachen eines jungen Mannes, der ihr seine warme Jacke anbot, nach Hause zu fahren. — Das ist Alles, was hinter dem Goldgewölke liegt.“

Ein Schatten von tiefem Ernst, der über ihr Gesicht flog, wich eben so schnell, als sie fortfuhr: „Wenigstens sehe ich, daß Sie ein echter Deutscher sind: Sie reflektiren, Sie lassen keine Freude bei sich einziehen, wenn sie sich nicht mit einem vom Verdienst gefertigten Passe legitimirt, und suchen die Stelle, wo der Regenbogen auf der Erde steht, zu ergründen, um sich zu überzeugen, ob er auch auf festem Boden ruhe!“