Der Vorwurf war ungerecht. Arnold reflektirte nicht, aber Juliens Worte gaben ihm erst den Stoff dazu.
Eine Antwort war nicht mehr möglich, denn in dem Augenblicke, wo nun das Schiff um den Felsenvorsprung bog, welcher die Bucht, an welcher der Freinhof liegt, bisher verdeckte, schmetterte durch das stille Halbdunkel ein Ruf — oder Ton — oder Aufschrei — wie ihn nur der begreift, welcher jemals einen Urbewohner der Berge aus voller Kraft der Lunge „jodeln“ gehört —... ein Jodler, der das Echo am Ende des Sees aus dem ersten Schlummer aufzuschreien zwang, — das ferne Waldufer nahm die Herausforderung an und nun scholl es zehnfach zurück von Berg und Fels und verklang endlich in sanfteren Tonwellen, welche von dem raschen Ruderschlage übertönt wurden, womit die stattliche, fest und zierlich gebaute Barke vom Freinhof herankam. In einer Minute hatte sie den Nachen Arnolds erreicht. —
Der Urheber des gewaltigen Jubelgrußes war aber kein Eingeborner der Gegend, sondern der vom Schiffer erwähnte „große Herr Knorr,“ welcher auf der äußersten Spitze des Vordertheils, gerade über den goldnen Buchstaben des Namens Julia stand, und mit einem braunen Sammtrock bekleidet und einem grauen, weichen, vielgeprüften Filzhute bedeckt, in ungeheurer Länge emporragte, wie der Rauchfang eines Dampfschiffes. Auf dem mittleren Sitze saß ein Mann in eleganter Sommerkleidung, das heißt, er war vom Hals bis zu den Kamaschen mit dem gleichen englischen Stoff von unbestimmter Farbe überzogen und trug einen Panama-Hut mit Sammtband. „Kannst du denn, — rief er dem andern zu — dein höllisches Gejohle nicht lassen, wo du gar nicht weißt, ob es zur Situazion paßt!“ — Der Lange im Sammtrock lachte laut aus seinem struppigen Vollbart und sagte: „Zu meiner Situazion jedenfalls, und für die deine hindere ich dich nicht, jedes Geflöte und Gesäusel anzustimmen, welches dir passend scheint.“
Julie war beim ersten der vom Panama-Hut mißbilligten Töne rasch im Schiffchen aufgestanden mit dem Ausrufe: „Da sind sie, die Retter nach der Gefahr! — der gute närrische Knorr, vielleicht der einzige Mensch, der es ganz ehrlich mit mir meint — und der ewig fein sein wollende Reiland“... (es schien Arnold, als ob vor dem Namen Reiland noch das Wort „unausstehlich“ halblaut eingeschlüpft wäre).
„Willkommen, willkommen!“ scholl es von den aneinanderliegenden Schiffen. „Wir waren so fest überzeugt — rief Knorr’s gewaltige Baßstimme — daß Sie der See verschlungen, schöne Frau Julie, daß Herr Reiland bereits Trauer um seinen Hut gelegt, und ich einen meiner Revolvers mitgenommen habe, um mich beim rothen Kreuz nach Erhebung des Thatbestandes zu erschießen“ — er knallte dabei einen der Läufe gegen die Felsenwand los — „und nun eine Jubelfanfare für die glückliche Rettung“ — — er setzte ein chromatisches Posthorn an den Mund, und ein Geschmetter, welches den vorigen Jodler zu Schanden machte, fiel mit dem Wiederhall der Pistole zusammen.
„Aber um Gotteswillen, lieber, lieber Knorr — bat Julie mit aufgehobenen Händen — jetzt ein Ende mit Ihrem gräßlichen Unsinn! Geschwind fort, zum rothen Kreuz, dort finden Sie den verzweifelnden Blauhorn, den Sie auf der Heimfahrt mit Schießen und Blasen sein Elend vergessen machen sollen.. Guten Abend, lieber Reiland! Adieu! In einer Stunde im Schweizerhaus!“
Der Genannte verbeugte sich mit einem Blick, in welchen er ehrerbietige Zärtlichkeit, feines Bedauern über Knorr’s Auffassung der Situazion und noch vielerlei Anderes zu legen gedachte. Knorr aber rief den vier Ruderern ein Vorwärts! zu, und die Fahrzeuge flogen in entgegengesetzter Richtung auseinander.
Arnold hatte Welt genug, um manche auf seinen Lippen schwebende Frage zu unterdrücken. — Knorr’s vertrauliches „schöne Frau Julie“ hatte ihn eben so unangenehm berührt, als Reilands süßes albernes Augenspiel. — — Und wieder in Juliens Zügen das gleiche frohe Aufleuchten beim Gruße. — —
Mit einem ihm unerklärlichen Uebergange hatte sich nach der Begegnung mit der Barke ihr ganzes Wesen verändert. Es war, als ob, wie auf den Berggipfeln, auch in ihr der letzte Funke der Abendglut verlöscht wäre.
Sie sagte: „Legen Sie Ihr Ruder weg und lassen Sie dem Fährmann allein die Mühe. Setzen Sie sich zu mir, — wir kommen doch noch vor den Andern nach Hause.“