Nicht einmal die Polonaise — (armes Heldenvolk, das seinen Namen zu dem getanzten Tarok hergeben mußte!) — nicht einmal diese hatte begonnen. — Statt der geometrischen Promenade flogen in der ersten Viertelstunde die glänzenden Roben im Walzer dahin, — lösten sich wehende Locken von den warmblühenden Stirnen, — und mit den feurigen Klängen der Musik mischte sich frohes Lachen und die Fülle von hundert reizenden Stimmen bis herab zum süßen südlichen contre-Alt — der wahren viole d’amour der weiblichen Brust — und durchtönte die Blumengrotten, den Marmorsaal und alle die hohen strahlenden Räume.... Schaudernd entflohen war die langweilige Matrone Etikette, als fürchtete sie einen Orangenhagel von den Kobolden des neckenden Frohsinns!
Und wer hat sie verscheucht? wem dankt der Gebieter dieser Räume, daß sie heute nicht der dürre Samum des Ceremoniells durchweht?
Eine Verschwörung hatte die Matrone gestürzt.
Die Frauen hatten gesagt, so soll es sein, und sie setzen ihren Willen sicherer durch, als die am Anfange dieses Kapitels singenden vierzig Millionen.
Eine große Zahl der schönen, jungen, geistreichen, lebhaften Frauen des reichen und gebildeten Mittelstandes der Hafenstadt hatten beschlossen, dem liebenswürdigen Herrn der Villa zu zeigen, was sie der Gesellschaft zu bieten vermochten, und den vollen Reiz der ungezwungensten Heiterkeit gegen den spanisch-exclusiven Ennui ins Feld zu führen!
Sie umringten den Prinzen, es fiel wie ein Regen von Wortblumen auf ihn — ein reizendes Impromptu folgte dem andern — sie bestimmten die Ordnung der Tänze ohne nach einem Obersthofmeister zu fragen, — verflochten während des Tanzes den Prinzen, der so leicht zu verflechten war — und während der Ruhe die alten Kammerherren und Generäle in jene raschen, witzsprühenden, zündenden Gespräche, welche einmal die Damen des pur-sang für ihr Monopol hielten, und kümmerten sich um diese letzteren so gar nicht, und wenn’s möglich wäre, noch weniger als gar nicht!, bis endlich Alles belebt und durchglüht war — — mit Ausnahme einiger verknöcherter Repräsentanten eines, dem Himmel sei Dank, täglich tiefer ins Meer der Lächerlichkeit versinkenden Prinzipes. —
— Es war der glänzendste Sieg der Grazie über die freudeversteinernde Medusa des Ceremoniells!
Der Prinz, nicht ohne Geist, begriff den Sinn der Demonstrazion — der einen Seite derselben, der freundlichen, seiner Person dargebrachten Huldigung, freute er sich laut, und ging in den Ton vollkommen ein, — der andern, der arrière-pensée, die gegen eine gewisse Koterie gerichtet war, freute er sich still. — Er dankte Gott, daß der Ueberraschungsbesuch des gekrönten Vetters noch nicht in den Jubel des heutigen Abends hineingefallen!
Der Wind, der heute in diesen Sälen wehte, hatte den Friedenstraktat zwischen ihm und der noch immer nicht erschienenen Klotilde insofern zerrissen, als von verabredeten gnädigen Worten und Erwiederungen keine Rede sein konnte: die Vorstellungen mit Frage und Antwort, Verbeugung, Zurücktreten und einem Andern Platzmachen, waren gar nicht zur Ausführung gekommen. Der Prinz war bald mitten im Gedränge, mit vielen zugleich sprechend, bald saß er in einer Blumennische — mit einer Feuernelke oder blaßrothen Camellie — die Frauen sprachen ihn an, ohne von der Hand der Gouverneurin vorgeführt zu sein — und die Männer hatten hinlänglichen Takt, um die fröhliche Razzia über die sonstigen abgesteckten Grenzen hinaus auf eine Weise mitzumachen, welche die Exklusiven am meisten ärgerte, die immer auf ein störendes, plumpes Zuviel hofften, und immer vergebens!
Auch der alte Franchini hatte seinen Moment ersehen, Arnold dem Prinzen vorzustellen. Dieser sprach von dem Glück, das ihm morgen bevorstehe (der Audienz) und von dem noch größeren heutigen, und bedauerte, fast der einzige Vertreter der Residenzbewohner zu sein, welche in dem Prinzen die eigentliche Stütze der vaterländischen Kunst anbeteten, und welche ein einziger Gang durch die Villa überzeugen würde, wie jeder seiner schönen Gedanken auch zur That werde. —