Er hat sich für die Sicherheit zweier Passagiere, die er führt, einem Manne verbürgt, welcher, auf der Höhe der Gesellschaft der stolzesten Nazion stehend, es in seinem und seines Landes Interesse findet, seinem aristokratischen Staatswagen die wilde Jagd der gesammten europäischen Demokratie vorzuspannen. — Die Steine, welche während seines langen Lebens aus allen Kabineten und sonstigen Werkstätten des konservativen Prinzipes auf ihn geschleudert wurden, könnten hinreichen, um einen Damm von seinem Vaterlande nach dem Kontinent aufzuführen. — Man erwies ihm in einer Residenz — (tausend Meilen von unserer entfernt) einmal die Ehre, seinen Rücktritt durch ein eigenes Plakat der Bevölkerung anzuzeigen, als ein Ereigniß, durch welches die bedrohte Zukunft eines großen Staates gerettet worden, und wir erinnern uns wohl der Indignazion der Einwohner über diese Huldigung. In seinem Lande wird aber sein Name als der Tipus des populärsten, des eigentlich nazionalen Ministers fortleben, und bei jedem Sturze von der Höhe der Ministerbank ist er nur in die offenen Arme des Volkes gefallen, das er mit seinen Tugenden und Schwächen begreift wie Keiner, und das ihn dafür in sein Herzblut aufgenommen.

Der Kapitän der Aegina, welche schon manche Reise, mit politischer Contrebande befrachtet, glücklich zurückgelegt, genießt das Vertrauen des Lords, den wir nicht zu nennen brauchen, und welcher ihm Wangerode, den deutschen Demokraten, mit welchem Kollmann auf seiner Reise vor drei Jahren zusammengetroffen, empfohlen, einen Zweiten aber, den wir bald kennen lernen, aufs Wärmste ans Herz gelegt.

Wangerode gehörte zu den Schiffsgütern, welche in allen deutschen, monarchisches Gebiet bespülenden Gewässern mit Beschlag belegt werden. Er war Keiner von denen „welche im Momente der Gefahr ihre Pflicht nach einem anderen Punkte ruft“ — meist nach den Bahnhöfen, und die das undankbare Vaterland nicht mit eroberten Fahnen, sondern mit gestohlnen Kriegskassen verlassen. Er hatte als achtzehnjähriger Jüngling auf den Barrikaden gefochten, unter den „von Zukunftdranges Sturm am Weitesten Getragenen“. Ein altes Schwert, das bei Einnahme des Zeughauses in seine Hände gefallen, hatte vielleicht seit zwei Jahrhunderten zum ersten Male wieder Blut getrunken, edles Blut, mit welchem nun sein Name im Schuldbuche eingeschrieben stand für immer und ewig. Wie viele Hunderte geächteter Namen auch durch das Sieb der verschiedenen Amnestien gegangen, für den seinigen waren die Löcher zu eng.

Wer aber einmal sein Leben eingesetzt für seine Gesinnung, der bleibt von der Feuertaufe gestählt für immer. — Als Wangerode den Kugeln gegenüberstand, hatte er nicht für eine Ueberzeugung geblutet, sondern für ein Gefühl, einen Enthusiasmus! Das ist ja das göttlich Schöne der Jugend, daß sie für ein Wort in den Tod geht, ohne nach dem Begriffe zu fragen!

Mit den Jahren hatte sich das Gefühl zur Ueberzeugung ausgebildet. Er war aber durch die Reife nicht besser geworden. — Das Ziel seiner jugendlichen Schwärmerei war: allgemeine deutsche Republik; das Mittel: Massenerhebung des Volkes zum offenen Kampfe der Blouse gegen die Uniform. Der Zweck ein Ideal, das Mittel ritterlich.

Sein jetziger Standpunkt war: Einheit Deutschlands — ob Republik, ob Monarchie — er hätte vielleicht einer das gesammte Vaterland umfassenden Militär-Diktatur den Arm geboten. Darin lag eben kein Herabsinken; es war ein Ideal wie das andere. Aber den Glauben an die Erreichung durch ritterlichen Kampf hatte er in Erkenntniß der Wirklichkeit verworfen. Umsturz des Bestehenden durch jedes Mittel, — der Schutt als Unterbau künftiger Einheit war seine jetzige Devise, und er stand im Gutheißen der verworfensten Wege dem italienischen Revoluzionschef nicht nach. — Nach wie vor bereit, seinen Kopf für seine Sache einzusetzen, hätte er kein Bedenken getragen, Andere mit dem Dolche des Meuchelmörders auszusenden.

Sein entschlossener Karakter, seine Bildung und Gewandtheit hoben ihn bald über die Schaar der übrigen Exilirten empor, und die Häupter der verschiedenen Frakzionen, welche auch in der Fremde die heimatliche Spaltung verewigten, erkannten ihn bei durchgreifenden Beschlüssen faktisch als höchste Autorität.

Bei seinem ersten Zusammentreffen in der Schweiz hatte er in Kollmann insofern einen Gleichgesinnten erkannt, als dieser vom baldigen Zusammensturz der Verhältnisse im Vaterlande überzeugt war, — bei einem zweiten, in Mannheim, kam es zu einem förmlichen Verständnisse. Der Weg, auf welchem Kollmann dem in London lebenden Wangerode regelmäßige Mittheilungen machte, blieb unentdeckt; Kollmann’s Haltung in der Gesellschaft beseitigte übrigens jeden Verdacht, außer Lipprecht’s, der, wie wir wissen, damit isolirt stand. Kurze Zeit vor seiner, aus andern Gründen beabsichtigten Reise nach der Hafenstadt hatte er die Nachricht erhalten, daß Wangerode eine Begegnung wünsche. Es war angegeben, auf welche Weise Kollmann im Hafen von Zeit und Ort derselben in Kenntniß gesetzt werden sollte.

Der Vorschlag kam ihm sehr unerwünscht; ganz andere Entwürfe nahmen seine Gedanken und Zeit in Anspruch. Allein der Wunsch war bestimmt gestellt, und er befand sich in einer Lage, welche eine schmeichelhafte Aehnlichkeit mit jener des Kaisers der Franzosen den alten Carbonari-Freunden gegenüber hatte.