In der Mannheimer Unterredung hatte Wangerode so zu sagen mit dem Herzen auf der Zunge gesprochen, und ihn in das innerste Getriebe der Partei hineinschauen lassen. Als Kollmann beim Abschiede eine Betheuerung seiner unverbrüchlichen Verschwiegenheit geben zu müssen glaubte, antwortete Wangerode lachend: „Dergleichen ist nicht mehr üblich! Männer überlegen bevor sie eingehen. Dann aber weiß auch Jeder, daß einem Verrath oder Abfall nicht mit verschränkten Armen zugesehen wird. Wollen Sie Beispiele?“ Es folgte eine Aufzählung von Personen, welchen bei plötzlichem Wechsel ihrer Gesinnung ein Paar Zoll kaltes Eisen als Präservativ gegen Indiskrezionen eingegeben wurde, — und die Bemerkung, daß dergleichen nur in Italien vorkomme; deutsches Wort sei noch nicht gebrochen worden. —
Das hieß schließlich doch, daß wenn das deutsche Wort ausnahmsweise gebrochen würde, ein Messer auch ausnahmsweise seinen Weg in deutsche Haut finden könnte.
Wangerode hatte Alles ganz heiter und ohne unheimliche Betonung gesagt, aber der Zuhörer kannte seinen Mann und hatte bisher seine eingegangenen Verpflichtungen getreulich erfüllt.
Er stieg nun die Schiffstreppe an Bord der Aegina hinan, der Kapitän schritt ihm voran, ins Innere des Schiffes hinab, wo er die Thür einer Kabine öffnete und nachdem Kollmann eingetreten, sich zurückzog.
Am Tische saß, beim Licht der Hänglampe schreibend, Wangerode. Leider steht uns zu seinem Bilde keiner jener kontrastirenden Züge zu Gebote, durch welche glückliche Autoren ihre Gemälde pikant zu machen wissen. Der Ritter, der die geharnischten Gegner Mann für Mann aus dem Sattel schleudert, trägt häufig „zarte, fast mädchenhafte Züge“, — der Jesuit lächelt mit so freundlicher Bonhommie, daß ihn Niemand durchschaut, als der Verfasser, — die Dame, die im Verlauf des Romans sich als eine Lukrezia Borgia entwickelt, hat ein „sanftes Madonnenantlitz“ u. s. w. Wangerode sah aber gerade so aus wie der deutsche Demokratenführer vom Maler gemalt wird, wenn er eben keinen wirklichen vor sich hat. Wenn wir eine Nachahmung hoher Vorbilder im heldenbeschreibenden Stil wagen dürfen, so sagen wir: „die breite Stirn und Nasenwurzel so wie die kühn aufgeworfene Unterlippe verriethen Entschlossenheit und Energie; in den grauen Augen lag ein Gemisch von Kühnheit und List, — die breite Brust und der gedrungene Körperbau so wie die ausgebildeten Armmuskeln ließen auf einen Mann schließen, der keinen Gegner im Einzelkampfe zu scheuen braucht; ein heller, dichter Vollbart umgab das wettergebräunte Gesicht“ — — doch genug.
Er erhob sich rasch und bot Kollmann die Hand mit den Worten: „Willkommen nach drei Jahren, treuer, bewährter Freund! Wir sprechen uns heute in voller Sicherheit und wollen gleich zur Sache übergehen. — Daß Sie hierher kommen, erspart mir eine Rundreise; mein Ziel ist für den Augenblick nicht Ihr Land, ich hätte aber einige Ihrer Provinzen durchflogen, wenn ich Sie nicht anders hätte treffen können. Sie haben Viel geleistet, wir wissen es Ihnen Dank, und der Moment, wo wir es beweisen werden, kann nicht ausbleiben. — Lassen Sie uns die vielleicht so bald nicht wiederkehrende Stunde genießen und nützen, rauchen Sie zum Thee eine von den Zigarren, die mir unser Lord mitgegeben, und erfreuen Sie mich mit der Erzählung dessen, was Ihre reservirten Berichte verschwiegen.“
Kollmann dankte ablehnend für alle dargebotenen Erfrischungen mit Ausnahme der Havanna, lehnte sich in das niedere Sofa zurück, und begann, mit gekreuzten Armen auf den Boden vor sich hinsehend: „Ich habe unser Programm festgehalten. Es besteht, um der Börse ein Gleichniß zu entlehnen, darin, die Kurse der politischen und administrativen Verkehrtheit bis zum höchsten Schwindel hinaufzutreiben. Meine Berichte haben einige Erfolge enthalten. Ich ergänze dieselben in Betreff der Art und Weise, wie ich sie errungen, und noch mehr zu erreichen hoffe.“
„Ich habe mir eine Verbindung mit dem Finanzminister eröffnet, durch welche ich leicht Jemandem Zutritt verschaffen kann, und habe von diesem Wege zu Gunsten von Männern Gebrauch gemacht, welche die Geneigtheit des Grafen Breuneck zu Experimenten, denen unsere Industrie nicht gewachsen ist, benützen. Es ist zugleich dafür gesorgt, daß jeder Artikel, welcher mißfällige Bemerkungen über seine Maßregeln enthält, ihm zu Gesichte kommt, und bei seiner krankhaften Empfindlichkeit gegen Tadel haben wir ihm manchen die Journalistik treffenden Schlag zu danken.“