— „Was verstehen Sie unter Volk?“ fragte Kollmann statt zu antworten.

— „Die sogenannten untern Stände den sogenannten höheren gegenüber.“

— „Ich verstehe darunter diejenigen, die das was man Recht nennt gegen das was man Vorrecht nennt, vertheidigen. Der Bäcker, der den Zunftzwang — das Vorrecht — gegen Gewerbfreiheit — das Recht — vertheidiget, gehört nicht zum Volke, sondern zu den Privilegirten. Mein Volk ist in allen Ständen vertheilt.“

— „Eine Auffassung, vor der ich meine aus einem andern Gesichtspunkte gegebene Definizion gern zurückziehe. Aber die Frage ist damit noch nicht beantwortet.“

— „Verzeihen Sie, lieber Freund, Alles was Sie von Druck, Aufschnellen, Spitze abbrechen, sagen können, ist Metafer, Gleichniß, und läßt sich nicht bis in die Details auf die Wirklichkeit anwenden. Der Prozeß geht einfach so: Eine Provinz erhebt sich. Die Regierung macht entweder den Versuch die Rebellion mit Gewalt niederzuschlagen, oder durch Zugeständnisse zu entwaffnen. Der erstere hat unter den gegenwärtigen inneren, noch mehr unter den äußeren politischen Konjunkturen wenig Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Konzessionen aber, welche unmöglich auf Eine Provinz beschränkt bleiben können, führen zum repräsentativen Sistem, welches mit dem Zerfall unseres Staates gleichbedeutend ist.“

— „Ein lyrischer Sprung, zu dem meinem Verstande die Schnellkraft fehlt.“

— „Sie werden ihn keineswegs gewagt finden, wenn Sie mir zugeben, daß mit der Ursache auch die Wirkung wegfällt. Was die Gewalt zusammengehalten, fällt mit ihrem Aufhören auseinander.“

— „Ich leugne den Vordersatz in Betreff Ihres Staates; die Bindemittel der einzelnen Theile dieses naturwidrigen Organismus waren ganz andere —“

— „Fürs Erste, lieber Wangerode, gibt es keinen naturwidrigen Organismus. Selbst der Bucklichte, oder das Kind mit zwei Köpfen, sind nicht gegen das Gesetzbuch der Natur organisirt, sondern nur nach einer kleingedruckten Ausnahme in demselben geschaffen. Fürs Zweite ist unser Staat überhaupt kein Organismus, sondern ein Mechanismus und zwar einer der einfachsten, nämlich ein Faß. Was hält seine Dauben zusammen? Ein Druck von außen, der den Reif — entbehrlich macht, oder der Reif allein. — Der Druck von außen war die sogenannte politische Nothwendigkeit, das Drängen mächtiger Nachbarn, welche gewisse Völkerschaften zwangen, gleichsam als Quarré nach allen vier Winden hin Front zu machen. Dieser Druck hat sich in das Gegentheil verwandelt: die wichtigsten Bestandtheile sehen im Nachbar keinen Feind, sondern simpatisiren nach allen Weltgegenden nach Außen. Lassen Sie sich nicht irre machen von dem offiziellen Geschwätz, von „Millionen“, welche ein gesammtstaatliches Gefühl durchdringen soll: sie existiren nicht. Die Dauben wollen auseinander; und der Reif, — der kräftige, auf eine zahlreiche Armee und den Gegensatz der Nazionalitäten gestützte Absolutismus allein könnte sie halten. — Noch gibt es ein Drittes: denken Sie sich die Dauben geleimt, verkittet, da sie nicht organisch verwachsen können. Der Kitt ist die Liebe, — die in früheren Zeiten durch kluge Popularitäts-Apparate geweckte dinastische Simpatie. Durchreisen Sie unser Land, und zeigen Sie mir ein Stück von dem Kitt, groß genug, um dieses Kajütenfenster in seinen Fugen zu befestigen!“

— „Wolle Gott, daß Sie nicht durch eine rosenfarbene Brille sehen! Es mag Sie befremden, aus meinem Munde Zweifel und Besorgnisse zu hören. Unsere Londoner Klubs dürften mich nicht so sprechen hören. Wir, vom Generalstabe, dürfen die Möglichkeit widriger Ereignisse erwägen; der Mannschaft muß man Tag für Tag vorsagen: Morgen werdet Ihr siegen! Diese Leute sind nicht fähig, sich mit der Erreichung von vorbereitenden Zuständen, von Uebergängen zu begnügen, ein Feld mit ihrem Schweiße zu bearbeiten und mit ihrem Blute zu düngen, auf welchem eine künftige Generazion ernten soll. Ich gehe — Sie wissen es — unerschütterlich den Weg fort, den ich für den rechten halte, ich habe aber in den zehn Jahren so viele unausbleibliche Ereignisse dennoch ausbleiben gesehen, daß ich Nichts mehr für wirklich halte als das Vollbrachte. Allein hundertmal fehlschlagend muß unsere Sache doch siegen: die Einheit Deutschlands. Sehen Sie nicht, wie an der Flamme jeder europäischen Krisis die deutschen Souveränitäten zusammengeschmolzen sind? Vergleichen Sie deren Zahl nach dem westfälischen mit jener nach dem pariser Frieden! — In fünfzig Jahren gibt es vielleicht drei deutsche Staaten. Allerdings ein Ideengang, der die Köpfe unserer Emigrazion bedeutend abkühlen würde. Was fragen sie darnach, was nach fünfzig Jahren sein wird?“