Die Stunde, für welche Arnold zum Prinzen beschieden war, nahte, und er fuhr nach der Villa. August Ernst empfing ihn mit der größten Leutseligkeit, und ging in die Einzelnheiten des Elaborates ein. Er machte beim Durchblättern einige jener Bemerkungen, welche im Munde eines Prinzen für sachkundige gelten, ermächtigte ihn, sich beim Chef des Departements auf die günstige Ansicht zu berufen, die er gegen ihn aussprach, und verhieß möglichst schnelle Erledigung. Arnold sprach mit seinem Danke die Hoffnung aus, die Entscheidung, die er in der Hafenstadt abwarten wolle, mitnehmen zu können, und bat den Prinzen um seinen gnädigen Schutz für den Fall, daß er desselben gegen einen, seinem Interesse entgegengesetzten Einfluß bedürfen sollte. — Er entgegnete: „Seien Sie ruhig, es ist mir so Etwas angedeutet worden, allein ich sehe kein Motiv, meine Ansicht über Ihre Person oder Ihre Sache zu ändern. Melden Sie sich vor Ihrer Abreise jedenfalls bei mir.“
Im Marine-Departement fand er gleich freundliche Aufnahme. Der Direktor, mit allen Punkten der Vorlage vertraut, erklärte, daß der Einwilligung des Prinzen kein Hinderniß mehr vorliege und er nur dessen formelle Genehmigung einholen werde, und beschied Arnold für den nächsten Tag zur Unterzeichnung der Kontrakte. — Dieser forschte auch hier nach einer feindlichen Thätigkeit Kollmann’s und erhielt den Bescheid, daß derselbe fast gleichzeitig einen Antrag vorgelegt, aber den Bescheid erhalten, daß bereits ein anderer vorhanden, den man keinen Grund habe abzulehnen.
Arnold hatte schon gestern seine Angelegenheiten in so gutem Geleise gesehen, daß ihn die heutigen Erfolge nicht überraschten, doch kehrte er in der frohesten Stimmung zu Sprenger zurück. Er fand ihn auf dem Balkon, im Gespräch mit Richard Forster. Dasselbe hatte sich auf höchst gewöhnliche Weise, über einen englischen Zeitungsartikel entsponnen, und, in ungewöhnlichen Wendungen, zu großer Wärme entwickelt. Man schien sich gut zu verstehen, Arnold wurde sogleich in den Gegenstand hineingezogen, aber mehr als der letztere fesselte ihn der junge Fremde, dem er, — jenem Zuge der Simpatie folgend, welche sich bei ihm im Augenblicke einer ersten Begegnung so entschieden aussprach als deren Gegentheil, — im Geiste die Hand reichte, ehe es noch leiblich geschah.
Und von allen Wünschen, womit der Morgen begrüßt worden, war jener Richards zuerst in Erfüllung gegangen, — die ernsten blauen Augen, in welche seine dunkeln, feurigen blickten, waren die als günstiges Omen ersehnten. Möge er nicht verlernen, an Vorbedeutungen zu glauben! — Diese Augen werden ihn nicht täuschen.... aber aus ihnen blickt nur die Treue Arnolds und nicht jene — des Glückes! Da keine geschäftlichen Abhaltungen mehr vorlagen, machte Arnold den Vorschlag, dem landesfürstlichen Empfange, zu welchem die Stadt gerüstet dastand, aus dem Wege zu gehen, und es wurde eine Fahrt nach dem sehenswürdigsten Gegenstande der Umgebungen, dem römischen Amfitheater, beschlossen, wodurch für ihn ein großer Theil der Ewigkeit, nämlich der Zeit bis vier Uhr, ausgefüllt wurde.
— — Bald nach ihrer Abreise kam die Ueberraschung mittelst Separattrains herangebraust.
Die Stadt ließ sich nicht überrumpeln; sie hatte den Bahnhof, wo sich auch der Prinz mit Gefolge eingefunden, mit Deputazionen, das Gouvernementsgebäude mit Ehrenwachen, sämmtliche Treppen mit Baum- und Blumenspalieren und einen Tisch im Appartement des Monarchen mit einem prachtvollen Dejeuner besetzt.
Prinz August Ernst hatte vergeblich auf das Glück gehofft, den Vetter auf der Villa zu beherbergen. — Mit einem Sprunge aus dem Wagen durchbrach derselbe, vom Grafen Greuth und andern säbelklirrenden Adjutanten gefolgt, das erste Hinderniß, die Anrede des tiefergriffenen Bürgermeisters, überflog die andern in weniger Minuten, als ihre Aufrichtung Stunden erfordert hatte, und war im Besitze aller festen Posizionen, ehe noch die Ofikleïden der Regimentsbande den letzten Takt der Volkshimne ausgeschmettert hatten.
Die Raschheit seiner Bewegungen war um so auffallender bei der ziemlichen Korpulenz seiner gedrungenen, untersetzten, mit Mühe in die Uniform gezwängten Gestalt. Erwähnen wir noch des dichten, langen, schwarzen Schnurbartes, der das volle Kinn von der römischen Nase trennt, so haben wir genug gethan, um die Auffindung seines Portraits im gothaischen Kalender zu erleichtern, wenn man sich noch an die nähere Andeutung halten will, daß es von den vier Kaisern Europas jeder am allerwenigsten sein kann; eher einer der drei Uebrigen.
— Der Prinz, der Gouverneur, der Platzkommandant ziehen sich zurück. Der Monarch nimmt im Kabinet schnell sein Frühstück ein, vertauscht die Reiseuniform mit der Gala, — auf dem Platze ist die Generalität versammelt, — er sprengt nach dem Paradeplatz, wo die Garnison aufgestellt ist.
Sie defilirt unter den Klängen vielleicht der besten Militärmusik in Europa. Ihre Haltung ist vortrefflich, ihr Aussehen mahnt Jeden unwillkürlich an Wallensteins unhöflichen Brief an den Kaiser: „Hier ist ein Heer — schickt einen Heerführer.“ — Die wackeren Kommandanten, welche diesen Wunsch mit der Mannschaft theilen, werden belobt, — letztere bringt das dreimalige Vivat, zu welchem sie vor dem Ausmarsche aus der Kaserne die Erlaubniß erhalten hat, und der Herrscher galopirt an der Spitze der glänzenden Suite in dichten Staubwolken nach der Stadt zurück.