Die beiderseitigen Audienzen sind vorüber, und nach kurzer Ruhe empfängt der Monarch aus den Händen des Grafen abermals eine Liste, — jene der zu besichtigenden Institute und sonstigen Merkwürdigkeiten. Sie enthält dreizehn Artikel:
- Das Marine-Arsenal.
- Die neue Hafenbatterie.
- Die Artilleriekaserne.
- Die Infanteriekaserne.
- Die Equitazion.
- Die Stückgießerei.
- Das Militärspital.
- Die Proviantbäckerei.
- Das Stabsstockhaus.
- Die Domkirche.
- Das Civilspital.
- Das Zuchthaus. Und
- Die Akademie der bildenden Künste.
Graf Greuth hat aus dem ihm vom Gouverneur vorgelegten Verzeichnisse die vorstehenden Objekte ausgewählt, und der Monarch genehmigt in Pausch und Bogen. — Zwei Stunden sind für die Rundfahrt anberaumt. — Durch dreizehn dividirt, entfallen eins ins andere gerechnet, 912⁄13 per Stück brutto, das Hin- und Herfahren abgezogen sieben Minuten netto, mehr als hinreichend, um sich von allen innern Zuständen zu überzeugen.
Sämmtliche Besuche wirkten heilbringend, schon ehe sie gemacht wurden. — Die armen Teufel in den Spitälern bekamen eine Suppe und ein Kalbfleisch zu sehen, welches selbst die Primarärzte ohne Bedenken gegessen hätten, und wurden seit 24 Stunden vom ganzen Personale behandelt als wären sie wirklich Menschen statt Nummern. — Die Pferde und Mannschaften in den Kasernen wurden durch die ihrem verschiedenen Naturell entsprechenden Mittel in eine fröhlich paradirende Haltung und Stimmung versetzt, — und die Sträflinge im Stock- und Zuchthause, durch etwas Branntwein und bessere Razionen begeistert, versuchten sich in einem vorläufigen Vivat unter munterem Kettengerassel.
Nur das kleine, quickende, rothbackige Proletariat in der Kleinkinderbewahr-Anstalt, welches seit dem Morgen das Scheuern der Gesichter und Kämmen der Köpfe erduldet, befand sich in seinen frisch gewaschenen, aufgesteiften Gewändern, in allgemeiner Gährung und radikaler Verstimmung. Jeden Augenblick gewann es wieder der Jean qui pleure über den Jean qui rit, zur Verzweiflung der Vorsteherin und ungeachtet der umfassendsten Amnestien und dreimaliger Rosinenvertheilung. Und endlich war Alles umsonst, — da der Strich, wodurch Graf Greuth seinen Herrn von einem zweiten Dutzend Besuche befreit hatte, durch das ganze Gebiet der Levana, von der Kinderbewahranstalt bis zur Universität gegangen war.
— Zwölf Stazionen der Rückreise waren zurücklegt; der Wagen des Souveräns hält vor der Akademie.
Sie befindet sich im aufgehobenen Kloster San Matteo. Die Reihe der Zellen war durchbrochen und in Säle verwandelt worden, und an der Stelle, wo der Mönch mit Geißel und Stachelgürtel den traurigen Kampf gegen die Natur bestand, da umfaßt sie mit heißer Liebe der junge Künstler und sein Pinsel und Meißel schaffen alle Reize, welche die blinde Aszetik als Teufelslockung aus diesen Räumen verbannt hatte. — Wo der Todtenkopf über gekreuzten Gebeinen grinste, da lächelt die meerentstiegene Afrodite, und an den Wänden, wo auf schwarzgeräucherten Bildern blasse Hände aus Scheiterhaufenflammen hervorlangten, rufen jetzt die herrlichsten Gestalten voll Kraft und Leben den Sieg des Lichts und der Wahrheit hinaus.
Aus dem letzten Saale führt eine fliegende Treppe in den ehemaligen Klostergarten. Auch ist das Heidenthum mit fliegenden Fahnen eingezogen und die sandsteinernen Apostel in den Alleen sind dem marmornen Olimp gewichen. Die alten Kastanien ragen herüber aus einer versunkenen Zeit, über ein neues Geschlecht, das unter ihrem Schatten sich blühend emporrankt, über die gewundenen Laubgänge, die Fontänen und Bassins, worin sich die ganze bunte Pflanzenwelt spiegelt, womit eine sinnige Hand den Garten zugleich mit den Gebäuden, verjüngend geschmückt hat.
Im Vestibüle an der Hauptstiege wartet Direktor Volpi im schwarzen Kleid, die Brust mit sechs (ausländischen) Orden geschmückt, umgeben von einer Anzahl Professoren. Man glaubt zwar nicht an den Besuch, muß aber in der jetzigen Zeit auf Alles gefaßt sein. — Das Publikum hatte Zutritt wie gewöhnlich und fand sich zahlreich ein. —