— Der im Fenster stehende Aufseher der Gallerie, ein alter, stiller, freundlicher Mann, dessen Vergnügen mehr im Studiren der Beschauer als der Gemälde bestand, machte auch heute seine Beobachtungen, und ergetzlicher als die jetzigen, war ihm eine dem hohen Besuch vorhergegangene gewesen. — Er hatte schon manches Beispiel von Indifferenz erlebt, aber selten war ihm eine so empörende Gleichgültigkeit gegen die Kunstschätze, die er überwachte, vorgekommen, als die eines doch intelligent aussehenden hübschen jungen Mannes, welcher die Säle durchschritt, als wären sämmtliche Rahmen mit grauer Leinwand ausgefüllt.
Kurze Zeit später erschien eine Dame, welche ihre Blicke ungefähr mit der gleichen Theilnahme über die Wände gleiten ließ. — Daß Damen ohne Begleitung die Gallerie besuchten, war an der Tagesordnung; dann sah man ihnen aber auch meistens die Kunstliebe an, die sie hingeführt; auch kehrten sie gewöhnlich aus dem letzten Saale durch die übrigen, am Aufseher vorüber, zurück. — Als dieß im gegenwärtigen Falle nicht geschah, weder von Seite des jungen Mannes noch der Dame, trat er ans Fenster, setzte seine Brille auf und überblickte die verschiedenen Partien des wenig besuchten Gartens.
Er gewahrte bald, daß sich in dem grünen Reiche der Natur die Gestalten zusammengefunden, welche das Gebiet der Kunst getrennt durchwandelt hatten.
War Klotilden ein Wort vom Park entschlüpft? oder hatten die Beiden beim ersten Blick durch die offene Flügelthür auf die Blumenbeete und dunkeln Gipfel gefühlt, daß nur diese die rechten Wegweiser zum Glücke?
Genug, sie fanden sich, ohne eine Minute vergeblichen Suchens, — und die rothen Blütenpiramiden einer wilden Kastanie leuchteten als Girandolen, als ihre Hände ineinander lagen vor dem marmornen Altare, dem Piedestal einer Flora, welche den Blumenkorb über ihren Häuptern hielt.
Hätte statt der stummen Blüten und des schweigend lächelnden Götterbildes ein lebendiger Zeuge das Wiedersehen belauscht, — er hätte es nicht für ein erstes Bekennen, — er hätt’ es für die Seligkeit über die Erfüllung eines längst getauschten Schwures gehalten.
Sie fanden sich ja nicht wieder, wie sie sich im Freinhofe verlassen!
Jeder Gedanke, jede Empfindung, jedes Leid und Glück, das seit jener Stunde durch ihre Seele gegangen, ward zur Schwinge, auf der sie über alle Anfänge und Fragen und halben Verhüllungen des Gefühls hinwegflogen...
„Was ich am See geglaubt und gehofft — sagte Julie mit dem vollen Glanz der Liebe in den Augen — das wird mir am Meere erfüllt!“
„Und so viel tiefer und weiter dieses, als der See, um so viel reicher und glücklicher halt’ ich diese Hand in meiner.“ —