„Viel wichtiger ist, wo er herkommt, erwiderte der alte Korbach. Sie wissen oben, daß ich das Promemoria vom vorigen Jahre verfaßt habe, und nun soll ich umsatteln, mich hinten auf’s Steckenpferd des Ministers setzen und seine Freihandels-Experimente unterstützen, die uns ruiniren. Wäre eine hübsche Bresche in der Opposizion unserer Eisen-Industrie u. s. w. Was ich ihnen im Senat zu sagen hätte, können sie aus unserer Eingabe herauslesen. Sie werden Theorienreiter genug finden, ich sitze nicht auf. Von der Supplik an den Erzbischof kann ohnedem keine Rede sein. Die neue Kirche habe ich ihnen bauen lassen, und damit Basta. Will der Erzbischof herauskommen, so ist es mir eine Ehre, wenn auch kein Vergnügen, aber mich hinstellen lassen als verlaufenes Schaf, das zur Herde zukückkehrt, — darauf können sie warten.“
Sprenger war nicht einverstanden. Seine Meinung lautete: „Setze dich auf sechs Wochen in den Senat und sage ihnen Wahrheiten, welche sie von keinem Andern hören. Schreibe dem Erzbischofe und bleibe der Herr vom Hause, indem du ihn ladest. Du kannst mehr in deinem Sinne wirken, wenn du auf gutem Fuße bleibst. Brichst du offen, — und die Ablehnung des Schreibens ist ein direkter Bruch, — so ist das erste Opfer unser braver, biederer Pfarrer, und eines schönen Morgens hetzen sie dir die Arbeiter gegeneinander.“
Sprenger stand vielleicht auf einer freieren Höhe, als der alte Korbach. Ihm ging die Erhaltung der Sache stets über Konzessionen in der Form; er stand wirklich über den Parteien, während sein Freund dem Namen nach zur einen, mit seinem Herzen zur andern gehörte. Sprenger hatte die Ueberzeugung, daß ein Kampf mit der herrschenden katholischen Gewalt nur zum Nachtheile des Herausfordernden ausschlagen könne. Er sah übrigens ein, daß die gelegte Falle keinen andern Zweck haben könne, als, entweder diesen Kampf herbeizuführen, oder ein in seinen Folgen unberechenbares „Korbacher“ Konkordat. — Es lag allerdings die Möglichkeit vor, letzterem in der Ausführung die schärfsten Spitzen abzubrechen: vielleicht ließ sich durch einige Form-Zugeständnisse das Verbleiben des Pfarrers erkaufen; vielleicht war es der kirchlichen Autorität mehr um eine lautklingende, weithin leuchtende Wahrung des Prinzipes als um die Thatsache zu thun, mehr um einen breiten goldnen Rahmen für ihr Gnadenbild: war es nur hoch und glänzend genug hingestellt, so mochte sie dann nicht so genau nachrechnen, wie viele Kniee im Korbacher Thale sich davor beugten. Freilich lauter „Vielleicht!“ — Auf den Senat legte er weniger Werth — es schien ihm höchstens ein entgangener Gewinn: sein Freund mochte mit sich ausmachen, wie hoch er ihn anschlage, und ihn zurückweisen, aber im Kampf mit der Kirche sah er nur gewisses Unheil.
Arnold hatte, gleich nach Beendigung seines Berichtes, da er dachte, sein Vater wolle die Sache mit Sprenger allein besprechen, sich zur Schwester begeben, welche sich gewöhnlich nach dem Abendessen zurückzog, während die Männer noch zusammen blieben.
Sprenger hatte seine reichliche Munizion von Gründen des schwersten Kalibers verschossen: der alte Freund hielt Stand, wich kein Haar breit. — Er sah sich nach Verbündeten um.
Die Eine, auf welche er einstens nie vergebens gezählt — Arnolds Mutter — ruhte nun auf der grünen Anhöhe, welche sich am Ende des Marktes erhebt, in geringer Entfernung von der netten Häusergruppe der protestantischen Arbeiter — jener Häuser, in welchen ihr Name in das tägliche Gebet geflochten wurde, als der Wohlthäterin von hundert Familien. Aber die letzten Tage ihres segensreichen thätigen Lebens an der Seite des Gatten, der ihr Werk mit Kraft und Liebe beschützte, waren durch Sorgen getrübt, welche ihrem hellblickenden Geiste die allmälig auftauchenden feindlichen Bestrebungen der ringsum herrschenden Intoleranz erregten. Sie schloß die Augen mit dem schmerzlichen Gefühle, durch ihre Schöpfung den Frieden der alten Tage ihres Gatten gefährdet zu haben. An ihr hätte Sprenger eine Fürsprecherin gefunden bei jedem Schritte, welcher begütigend, ausgleichend wirken konnte.
Aber nur mit geringer Hoffnung begab er sich zu Helene, welche bei manchen wichtigen Veranlassungen mehr über den Vater vermocht hatte, als er und ihr Bruder. Er erzählte ihr Alles.
Das Mädchen hatte eine eigene, reizende Art, zuzuhören. Es war nicht ein einfaches Merken auf das, was gesprochen wurde, — sie sah mit ihren dunkelblauen Augen dem Quell des Gedankens auf den Grund, und der Erzähler hatte das wohlthuende Gefühl, sie ganz in seinen Gegenstand versunken, denselben in ihrer Antwort oft vollständiger wiedergegeben zu sehen. — In ihr war die Festigkeit und Entschiedenheit des Vaters in die weichste, reizendste Form gehüllt, — — als wäre ein Diamant in eine offene Rosenknospe gefallen; die Blätter mochten jedem Drucke nachgeben, durch den leichtesten Nadelstich verwundet werden, — der Diamant des Karakters schnitt durch das bunte Glas der Schmeichelei, durch das falsche Gold der Eitelkeit, durch allen Schein und alles Unwahre, das sich in ihrer Nähe unbehaglich fühlte.
Die reichen blonden Haare hatten jene so seltenen, nicht durch Flechten und Brennen entstandenen, natürlichen kleinen Wellen, welche das reine Oval des geistvollen Gesichtes in lebhaft bewegten Linien umspielten, nicht mit einer glatten, kalten Spiegelfläche einrahmten. Wie war das blühende Mädchen so blond und weiß — — und doch nicht ein schmachtender Zug! — Alles so lebendig, kräftig und warm! — Die Natur hatte da ein Schneeglöckchen mit Nelkenduft geschaffen. —
Als die Erzählung des väterlichen Freundes geendet war, sagte sie nach kurzem Nachsinnen: „Das ist verlorne Mühe, lieber Sprenger, ich habe oft Etwas beim Vater erreicht, wenn ich vorangeschickt wurde, selten, wenn ich nachkam, niemals, wenn etwas schon Verweigertes nur durch meinen Mund wiederholt wurde. Er sagte mir einmal: Helene, wenn du mich in fremdem Auftrag küssest, ists gar nicht dein Mund. Ich kenne auch seine Ansicht. Meine Meinung ist, daß der Vater den Senat annehmen, dem stolzen Geistlichen aber, der um Etwas gebeten sein will, was er für sein Leben gern selbst thun wird, nicht schreiben soll. Ich bin Protestantin, wie meine Mutter, und darum“ —