„Doch nicht empfindlicher gegen den katholischen Stolz als ich?“ — unterbrach sie Sprenger.
„Gewiß nicht, auch ehre ich Ihre Klugheitsrücksichten, aber der Vater hat doch Recht! Unser Korbach wird es aushalten, wie Deutschland den dreißigjährigen Krieg,“ schloß sie lächelnd und mit jenem Zuge um die Lippen, der, wie Sprenger wußte, ein anmuthiges, aber entschiedenes Nein ausdrückte. —
„Das ist schlimm,“ sagte er, „Sie waren meine letzte Hoffnung. Ich sehe nichts Gutes kommen; fürchte selbst Verwicklungen und Gefahren für die Zukunft Arnolds.“
„Ich fürchte nichts. Er sprach auch kein Wort mit mir darüber.“
„Er hielt sich nicht für berechtigt, von der Angelegenheit des Vaters zu sprechen, bevor dieser sich entschieden, aber ich durfte es mir erlauben.“
Sprenger war nun fertig; auch die Beziehung auf Arnold hatte fehlgeschlagen. —
Der Vater gab diesem folgende Instrukzion: „Sag’ dem Hofrath, daß ich die Ehre, im Senat zu sitzen, annehme, wenn der Minister keine Freihandelschimären von mir vertreten sehen will. — Sie wollen nur Leute, welche sagen, was man Oben gerne hört, und wer anders spricht, wird seine Rolle bald ausgespielt haben.“ — Er theilte hierin eine damals allgemein verbreitete, zum Theil später widerlegte Meinung über die Haltung, welche man vom Reichssenate erwartete. „Dem Erzbischof aber — fuhr er fort — wollen wir weiße Mädeln entgegenschicken, trommeln und pfeifen und läuten, daß die Glocken bersten, aber geschrieben wird nicht. Und nun mache, daß du fortkommst, damit sie nicht glauben, ich habe zwei Tage gebraucht, um mich zu bedenken.“ Arnold konnte eben noch eine Viertelstunde für seine Schwester gewinnen. Sie theilten jeden Gedanken, ohne einander eine Ueberzeugung zu opfern, kaum eine Meinung; — sie spiegelten im innigsten Verständniß Eines des Andern Farbe zurück, ohne die eigene darüber zu verlieren. Er hatte ihr im ersten Briefe aus der Stadt einen Umriß der Freinhof-Begebenheiten gesendet, und theilte ihr nun auch das Gespräch mit Günther, und dessen Ansicht mit. Wie sie einander so gegenüberstanden, sich an beiden Händen hielten, das Mädchen ihm gerade in die Augen sah, unterbrach sich Arnold mit den Worten: „Deine Augen werden immer dunkler! Vor der Reise waren es Kornblumen, jetzt sind es schon Genzianen!“
„Und am Ende werden sie noch schwarz, und dann siehst du noch lieber hinein,“ rief sie lachend. — — „Nun aber genug, — der Vater wird ungeduldig, — ich schreibe dir, was etwa noch vorgeht, heute durch die Fabriksgelegenheit. Sei klug, und grüße mir deinen Günther, — auch er hat nicht Recht, — heute bin ich mit Euch Allen im Krieg.“ — —
Ein frischer, herzlicher Kuß, eine Umarmung, — und Arnold sprang auf den Wagen, und hatte nun Zeit genug, auf eine für die büreaukratischen und hierarchischen Ohren annehmbare Form der väterlichen Ablehnungen zu sinnen, welche ganz nach seinem Herzen waren.