Sicherlich wird es sein Erstes nach der Ankunft in der Stadt sein, sich der Mission zu entledigen: wir erwarten ihn im Kabinette Blauhorns, wohin wir ihm voraneilen, und finden uns leider im Gegensatze zu dem noch friedlichen Korbacher Thal auf dem Schauplatze der bedauerlichsten Anarchie.
Die Gattin geht mit raschen, sehr hörbaren Schritten auf und nieder, — der kleine gelbe Hofrath sitzt zusammengekauert im Lehnstuhl, auf irgend ein Aeußerstes gebracht, wie ein Igel zur Stachelkugel eingerollt. Es ist keine Emeute, kein „beklagenswerther Versuch einer Handvoll Unzufriedener“, — der Hofrath hat sich nicht wie gewöhnlich zusammengerottet, um durch einen Gensdarmenblick seiner Gemahlin auseinandergetrieben zu werden: — es ist offene Empörung.
Es mußte ein großer Mißgriff von Seite der obersten Behörde des Hauses geschehen sein, denn Blauhorn gehörte zu den am leichtesten zu regierenden Provinzen. Man mußte ihm nur einen Schein von Volksvertretung lassen. Er sagte gerne Ja, wollte aber gefragt werden; — gehorchte willig, wollte aber wissen, wozu seine Steuer von Gehorsam verwendet werde. Er hatte im Freinhof von Julie den Auftrag erhalten, seine Frau dringend dahin zu laden, und diese war der Einladung gefolgt. Nach ihrer Rückkehr lauerte er auf eine Mittheilung, aber vergebens. Zwei Tage später erhielt er vom Minister den Auftrag an Arnold, errieth einen Zusammenhang, und schwieg nun ebenso hartnäckig. — An den Gedanken einer Wechselwirkung zwischen dem Grafen Breuneck und seiner Frau hatte er sich gewöhnt; er fing an, sich für einen Intriganten zu halten und sagte sich vor, er werde, — da er nun einmal auf die Süßigkeiten des häuslichen Glückes verzichtet, vom Teufel des Ehrgeizes geritten, und beherrsche durch seine Frau den Minister; — er war ein Tender, der die fixe Idee hat, die Lokomotive zu schieben. —
Nun fühlte er sich als einen hinten angehängten Lastwagen. — Seine Frau ihrerseits wollte sehen, wie weit die rebellische Verstocktheit, dieses Schweigen über den ihr nur zu wohl bekannten gräflichen Auftrag gehe, und gab ihm achtundvierzigstündige Frist. Als diese verstrichen, trat sie am Morgen in sein Kabinet mit der Kernschuß-Frage: „Wann bekommst du Antwort von Korbach?“
Blauhorn fuhr los: „Er werde dem Minister die Augen über Alles öffnen!“ Die Frau konnte nicht wohl begreifen, worin dieses noch bestehen solle — und es entwickelte sich nun das Feuer auf der ganzen Linie mit solcher Lebhaftigkeit, daß Arnold und der ihm voranschreitende anmeldende Diener das schwere Posizionsgeschütz der Hofräthin und das dünne Kleingewehr-Geknatter aus dem Lehnstuhle deutlich durch die Thür unterscheiden konnten. — Als dieselbe aufging, war unter den schnell geordneten Falten der Empfangsgesichter die Pulverschwärze noch wahrnehmbar, aber der Kampf war bereits entschieden.
„Sie werden, bester Herr Korbach, — sprach die Hofräthin — so gütig sein, mir das Ergebniß Ihrer Anfrage mitzutheilen, da mein Mann an einer so fürchterlichen Migraine leidet, daß ich ihn nicht sprechen lasse.“
„Mein Vater, — erwiederte Arnold auf einen schweigend zustimmenden Wink Blauhorns — wird eine Ehre und ein Glück in der bewußten Eventualität sehen und hofft dem in ihn gesetzten Vertrauen um so leichter zu entsprechen, da er überzeugt ist, daß er in keine Kollision mit gewissen von ihm seiner Zeit ausgesprochenen Ansichten kommen werde, welche er allerdings nicht aufzugeben vermöchte.“
Arnold wußte, was ihm die Zusammensetzung dieser hölzernen Frase gekostet. Er fühlte sich keinen ganzen, aber ein gutes Stück Talleyrand.
„Ich bedauere vorzüglich im Interesse Ihres Herrn Vaters dessen Auffassung einer Sache, welche wir nunmehr als abgethan betrachten müssen,“ — sagte Blauhorn gemessen und spitzig.
„Herr Korbach hat ja angenommen?“ rief die Hofräthin.