„Ich bitte anzufangen! Alle sind geladen.“ Sembrick versandte mit Meisterhand Kugel auf Kugel nach den Zielen, Knorr aber schoß fast jedesmal in das Loch, welches jene des Barons gebohrt, welcher sich endlich für überwunden erklären mußte.

„Nun den letzten Schuß!“ sagte Knorr. — „Sehen Sie, der geht auf den schwarzen Stummel da unten, mit den zwei weißen Augen von Kreide, da rufe ich immer hinab: Gute Nacht, Nachbar Kollmann, und jage ihm eine Kugel in die Rinde.“

„Eine schöne freundnachbarliche Gesinnung! — rief lachend der Baron, — Sie machten ein Gesicht dazu, daß ich kaum bezweifle, Sie möchten alles Ernstes den Abendgruß hinabsenden, wenn’s gut anginge.“

„Von Herzen gern! aber es würde vor der Hand zu Nichts führen. Uebrigens sind Sie herausgekommen, um zu fragen, wohin die Nachbarn gereist, und ich bedaure nicht mehr zu wissen, als der Stummel dort. Sie könnten mich aber wenigstens über einiges Andere ausholen!“

Sembrick ging in Knorrs Stil und Idee ein und entgegnete: „Das hatte ich vor, und nun möchte ich Ihnen vor Allem auf den Zahn fühlen, warum Sie Ihren Nachbar, in dessen Hause ich Sie doch traf, in effigie erschießen, mit dem frommen Hintergedanken, es wirklich zu thun?“

Statt der Antwort führte Knorr den Baron um das Haus herum in die Ruine, die hölzerne Stiege hinan, welche die vorige steinerne im Innern des zur Hälfte eingestürzten Thürmchens ersetzte, von dessen Höhe man die Rundsicht über das Thal genoß, und sagte, über die Gegend hinzeigend: „Länderdurst, Herr Baron, das Fantom der Universalmonarchie, welches meinen Nachbar hetzt, ist jener Grund unseres Haders, von dem sich sprechen läßt. Ein anderer, triftigerer liegt freilich vor, davon habe ich aber nicht vor, zu reden. Sehen Sie um sich! Alles ist sein Gebiet. Bloß mein Fichtenkegel und meine Burg stecken ihm wie ein Pfahl im Fleisch, daß er sich nicht arrondiren kann. Zuerst bot er mir den dreifachen, dann den sechsfachen Preis für den alten Steinhaufen und die Paar Stämme. Ich bin aber kein Fürst Hohenzollern und trete meine Souverainität um keine preußischen, noch andere Thaler ab. Da sich aber in der Gegend die Ansicht herausgebildet hatte, ich sei halb oder dreiviertels verrückt, so überreichte er dem Landesgericht eine gediegene Abhandlung über meine Narrheit, um mich unter Kuratel zu bringen und dem Kurator mein Land abzukaufen. Ich wurde von den Gerichtsräthen und einem Doktor scharf auf meinen Verstand inquirirt, und es fand sich gerade so viel vor, daß der Nachbar abgewiesen wurde. Nun bot er mir einen Friedenstraktat, den Frau Julie unterhandelte. Seitdem sind wir die besten Freunde, wie Oesterreich und Piemont.“

„Aber was bewog Sie denn, um dieses höchst romantischen, aber eben so uncomfortablen Aufenthalts willen einen solchen Vernichtungskampf zu bestehen?“

„Es ist sonst kein Platz im Thale, da Alles ihm gehört, und ich muß die Gegend bewachen, wie ein Bulldog, denn es liegt irgendwo ein Schatz darin, der gehoben werden muß.“

Es schien Sembrick, daß nun wirklich eine Saite klinge, welche nicht nach der Stimmgabel des gesunden Menschenverstandes gestimmt sei. Er erwiderte: „Da haben Sie vollkommen Recht, und Sie werden ihn auch finden und heben, wenn Sie genug Geduld und Ausdauer besitzen.“