„Sie gehen geschickt auf meine fixe Idee ein, Herr Baron, aber es ist bloß bildlich zu nehmen. — Sie finden es hier nicht comfortable, aber glauben Sie mir, es ist auf meinem Thurm gemüthlicher, als da unten im Freinhof.“

„Wenigstens gegen einen Handstreich sind Sie mit Ihrer Artillerie und diesen zwei ungeheuren Hunden gesichert.“

„Hinter dem Hause sind noch zwei. Es sind drei hohe Tenore und ein Sopran. Wir fünf zusammen bringen manchmal dem Freund und Nachbar unten ein Ständchen. Wenn der Vollmond über dem Wetterstein steht und die leichten Nebel auf- und abkriechen, da fangen meine vier Neufoundländer alle zu heulen an, und ich begleite sie mit dem Posthorn und knattere mit den Revolvers dazwischen. Herr Baron, — — dem Nachbar klingt das Geheul meiner Hunde, als ob vier Teufel ein langgezogenes: Du — — Schuft — —! hinausbrüllten! Ich weiß das. Die rechten Teufelsnächte sind bei uns nicht die schwarzen, sondern eine oder die andere helle, die die ganze weiße zarte Nebelsippschaft aus den Felsenkammern da drüben in den Mondschein herauslockt. Wir Beide sind aufgeklärte Männer und glauben an keine Geister. Aber meine Hunde sind anderer Ansicht. Nun hat mir das Bezirksamt das Schießen und Hornblasen nach neun Uhr verboten, und seitdem arbeitet bloß das Vokalquartett.“

„Sie werden mir glauben, daß mir die Erscheinung Kollmanns so wenig simpathisch ist, wie Ihnen, allein auf die zwei Worte des Textes, den Sie der Melodie Ihrer Hunde unterlegen, ließe sich schwer ein Verfahren gründen; somit muß man eben durch freundschaftliche Theilnahme das, wie es scheint, nicht immer heitere, Loos dieser Frau zu erleichtern suchen.“

Das Gesicht Knorrs nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. „Herr Baron,“ sagte er, „ich habe das Vorhandensein meines Verstandes vor Gericht erwiesen und ein günstiges Gutachten in meinem Kasten. Auf Grundlage desselben erkläre ich Ihnen, daß Sie mich jetzt über Etwas sondiren, wovon Sie mehr wissen, als ich. Wenn ich aber einmal mehr weiß, als Sie, so werde ich nicht erst warten, bis Sie heraufkommen.“

Sembrick wollte mit Knorr, über dessen Farbe und Gesinnung er nun im Reinen war, auf gutem Fuße bleiben, und sagte, dessen geänderten Ton nicht beachtend: „Wir verstehen uns, — man muß eben Alles der Zukunft überlassen, ich bitte Sie nur, der Frau Julie bei ihrer Rückkehr zu sagen, daß ich dort war, das Terrain geprüft habe und nicht ohne Hoffnung zurückgekommen; mehr könnte ich auch ihr selbst nicht sagen; für jetzt sei es aber unmöglich, Etwas zu thun.“

— — Vielleicht war im tiefsten Grunde der Seele des „Siegers über sich selbst“ ein Atom von Befriedigung über diese Unmöglichkeit. Er hatte als Kavalier, als Mann von Ehre die Stellung angenommen, in welche ihn die letzte Unterredung mit Julie zurückdrängte. Aber durch die Bande, die das Wort trug, war das Gefühl nicht gebunden. Er war keineswegs über die Jahre hinaus, wo Gefühle ihre volle Herrschaft behaupten, — wenn es überhaupt Jahre gibt, die ein solches Hinaussein bedingen, — aber sicher über jene, wo man sich über ihre Namen täuscht. Wenn er jedoch klar genug über sich selbst war, eine Leidenschaft nicht Liebe zu nennen, so war dieß zwar hinreichend, seine edle Natur zum Kampfe gegen dieselbe aufzufordern, — aber noch nicht, ihn heute als Sieger vom Freinhofe scheiden zu lassen.

Mit einem Ausdrucke, welcher der Abglanz der innern Fehde war, sah er Arnold nach, als er diesen, wie wir erzählt, auf seiner Fahrt nach Korbach im Bahnhofe zu Pottenbach traf, wo er den Blick nach dem Felsen auf der Höhe, den Herzensgruß nach dem Freinhofe sandte.

Sembrick war zu ernst gestimmt, um darüber zu lächeln, daß der Gruß nach dem leeren Schweizerhause hinüberflog.