Der Prior von Sankt Martin.

Aber freundlich mochte der alte Berggeist, wenn er etwa in jener Stunde von dem die Straße hoch überragenden Felsengipfel der Föhrleiten sein Gebiet überschaute, gelächelt haben bei jenem Blicke Arnolds. Ihm hat er Kühlung in labenden Lüften nachgesendet auf seiner heißen Fahrt. — Und sicherlich eine Hagelwolke einem Andern, der fast zur selben Stunde nach der Höhe hinaufsieht — und auch des Freinhofs gedenkt, — und auch einen Gruß hinübersendet, — aber nicht aus treuem Herzen und blauen Augen an die reizende Julie, sondern aus einer falschen Seele und pechschwarzen Augen an den Gebieter derselben, den ihm gleichgesinnten und geistesverwandten Kollmann.

Es ist Pater Bernhard, der Prior von Sankt Martin, den sein Weg nach dem Stifte, wohin er sich von der Residenz begibt, nahe am Freinhofe vorüberführt. Wir eilen ihm nach dem Schauplatze seiner gegenwärtigen Thätigkeit voran, um seine vergangene zu beleuchten.

Das Stift liegt im Gebirge, fünf bis sechs Stunden von Korbach, etwa halb so weit vom Freinhofe, ein Dreieck mit diesen beiden Punkten bildend. Es gehört einem Orden, welcher grundsätzlich seine Wohnungen in Thälern baute, so wie andere auf beherrschenden Höhen.

In seiner abgeschiedenen Lage in einem weiten, tiefen Thale zwischen den Ausläufern des Hochgebirges, bisher nicht berührt von den Tendenzen der Zeit, hatte sich das Kloster bis zu den Tagen unserer Begebenheit begnügt, seine geistliche und weltliche Mission von der realistischen, soliden Seite aufzufassen, ohne sich in Spekulazion, weder in transzendentem noch pekuniärem Sinne, einzulassen.

In weltlicher Beziehung kehrten seine Kühe, Ochsen und Schweine mit Medaillen behangen von den Viehausstellungen zurück, die Stämme seiner Waldungen wurden zu den profansten Bauwerken der gottlosen Industrie um schweres Geld gekauft, auf seinen Feldern schienen die sieben fetten Jahre Egiptens in Permanenz erklärt.

Der Prälat hatte, während Viele seiner Standesgenossen sich an Akziengesellschaften betheiligten, ja selbst durch vertraute Hände in Fonds zu operiren versuchten, die bedeutenden Geldkräfte seines Klosters auf Bodenkultur verwendet, jede Verbesserung und praktisch bewährte Neuerung auf seinem Gebiete durchgeführt, ohne Opfer zu scheuen, aber auch ohne den Zweck zu erreichen, den er nächst dem Gedeihen des Klosters im Auge hatte, nämlich die Bauern zur Nachfolge zu bewegen. — Sie schrieben in bequemer Verstocktheit den Wohlstand der Klosterwirthschaft, im Gegensatze zu ihren eignen magern Kühen und Feldern, lieber einem besondern Schutze des Himmels zu, als ihrer eigenen Faulheit und Indolenz.

In geistlicher Hinsicht beschränkte sich das Kloster St. Martin auf die unteren, sinnenfälligen Funkzionen, die grobe Arbeit an der Kultusmaschine. Es hatte ein gut organisirtes, lebhaftes Wallfahrtswesen, führte ein reiches Lager von Rosenkränzen und Heiligenporträts auf Hausenblase und auf Spitzenpapier und Goldgrund, — worunter namentlich ein St. Martin, seines aufsteigenden Schimmels und carminrothen Mantels halber, starken Absatz fand, — und besaß ein in diskreten Zwischenräumen wirksames Mirakelbild.

Die jungen Kleriker wurden zu tüchtigen Oekonomen, und, in Betreff der Seelsorge, zu Leuten herangebildet, welche zwar nicht mit dem feinen hochkirchlichen Fleuret zu fechten, aber mit den Schwefelstangen und Pechkränzen, welche die alte theologische Rüstkammer darbot, umzugehen wußten. — Die Männer, mit welchen das Kloster die vielen von ihm abhängigen Pfarren besetzte, gehörten fast Alle zu jenem zähen, rothen, kräftigen Schlage von Landgeistlichen, welche mit nie ermüdendem Pflichtgefühl die Speise des Trostes in der Nacht Stunden weit durch den Schnee in die Hütte des Holzknechtes tragen, — dafür aber auch keine „Narren ihr Lebelang“ sind. Sondern — sie halten Weib, Wein und Gesang — statt des letzteren häufig Blas- und Streichinstrumente — für Gottesgaben, deren letztere die Kirche überhaupt gestattet, die erstere aber, so zu sagen, nur auf erlaubtem Wege verboten, auf verbotenem aber stillschweigend erlaubt habe, — in welcher Beziehung auch das natürliche, gesunde Urtheil der Gemeinde stets ziemlich nachsichtig gefunden wird, wenn der Geistliche sonst seine Pflicht gegen sie erfüllt.