Ein einziger Posten erforderte in neuerer Zeit einen höher gebildeten, taktvollen, aufgeklärten Priester, einen Mann von anderer Befähigung, als welche für die Bauerndörfer ausreichte. Dieß war das Korbachthal. Der kluge und wohldenkende Prälat hatte den einzigen hiezu vollkommen Geeigneten in der Person des bereits erwähnten Pfarrers Namens Valentin ausersehen.

Die Stürme, welche im Jahre 1848 in den Ebenen wütheten, brachen sich an den Bergen, und der einzige Windstoß, welcher nach St. Martin hinüberwehte, war eine halbe Kompagnie Studenten, welche auf requirirten Wagen angefahren kamen, das Kloster für aufgehoben erklärten, an die Thore „Nazionaleigenthum“ anschrieben, und wieder abfuhren, nachdem sie von den Geistlichen gut bewirthet und von den Bauern mit Erschlagen bedroht worden waren. —

Der Prälat begriff seine Zeit, und fürchtete für den materiellen Bestand seines Stiftes Nichts von den Ideen des Fortschrittes, gegen deren geistige Wirkungen der Zustand der Bewohner und Umwohner hinreichende Bürgschaft bot, und deren etwaigen gewaltsamen Kundgebungen die Regierung mit dem Bajonette und der Bauer mit dem Dreschflegel entgegentrat. Er fürchtete die Ideen des Rückschrittes. Sie schienen ihm allein gefährlich für die Ruhe, das Bestehen und Gedeihen dieses behaglichen, gesunden Körpers, der ein überlebtes Prinzip mit einer noch für ein halbes Jahrhundert ausreichenden Lebenskraft repräsentiren konnte, wenn er in seinem Organismus nicht gestört wurde. —

Er las das von der Regierung abgeschlossene Konkordat gleich so vielen Helldenkenden seines Standes mit dem Vorgefühle der schlimmsten Folgen, und die höchste kirchliche Gewalt machte ihm den Eindruck jenes Verstorbenen zu Edimburg, auf dessen Grabstein die Worte stehen: „Ich war gesund, wollte noch gesünder sein, nahm Medizin und starb.“ —

„Wir wollen es besser haben als gut, — sagte er, und werden es schlechter haben.“ —

Als einige Zeit hierauf ein Besuch des Erzbischofs, mit welchem er bisher auf freundlichem Fuße gestanden, erfolgte und dieser nach vielen Fragen über die Zustände des Klosters die Wiedereinführung der alten, strengen, seit einem Jahrhundert außer Uebung gekommenen Ordensregel verkündigte, trat er ihm mit Energie entgegen und setzte das Unangemessene und Nachtheilige einer solchen Maßregel zuerst mündlich, und später in einer schriftlichen Eingabe auseinander. Nach wenigen Tagen erschien eine im gregorianischen Stile gehaltene, niederschmetternde Zurechtweisung, welche das Gefühl des biedern Prälaten, der durch fünfundzwanzig Jahre dem Stifte zur Zufriedenheit seiner Untergebenen vorgestanden, so verletzte, daß er in eine schwere Krankheit verfiel, von welcher er sich nicht wieder erholte.

Pater Bernhard übernahm nun als Prior die faktische Leitung und stellte sich an die Spitze der sehr kleinen Partei im Kloster, welche sich dem Konkordat mit allen seinen Konsequenzen anschloß, und aus den wenigen Ehrgeizigen bestand, die durch ihre, mit jener der Mehrheit kontrastirende Haltung die Gunst des Erzbischofs zu gewinnen suchten, dessen Vertrauen der Prior nun in hohem Grade besaß.

Dieser war vor Jahren mit Bewilligung des Prälaten aus dem Kloster, und als Erzieher in das Haus des Fürsten Leuchtendorf getreten, dessen Günther bei Aufzählung der Freinhof-Gesellschaft erwähnt hatte, als er zwei dort auf Besuch anwesende Fräulein als seine Töchter bezeichnete. Er eignete sich einen Grad von wissenschaftlicher und Weltbildung an, welche ihn vor seinen Mitbrüdern auszeichnete, die von seinen vielversprechenden Mittheilungen bestochen, ihn zum Prior wählten, als dessen Stelle erledigt worden.

Pater Bernhard kehrte als solcher ins Kloster zurück und sein nächstes Ziel war nun der Krummstab des infulirten Prälaten.