Seine Stellung war eine schwierige. Starb der Prälat, so wurde seine Stelle durch Wahl besetzt und diese Wahl fand durch Stimmenmehrheit statt. Durch sein Auftreten für den Erzbischof hatte er aber alle Popularität verloren.
Er segelte mit vieler Geschicklichkeit durch die Klippen. Nachdem er sich zuerst die Gunst seines Beschützers gesichert, indem er in kräftigen, beredten Worten den Geistlichen die Nothwendigkeit auseinandersetzte, sich den Bestimmungen desselben zu fügen, bearbeitete er Jeden einzeln und machte ihm begreiflich, daß in der Ausführung dieser Bestimmungen alle erdenklichen Erleichterungen eintreten könnten, wenn ein Mann auf dem Prälatenstuhle säße, der ein Auge zudrücke. Allerdings hatten die Brüder dieses Augezudrücken von Jedem aus ihnen so sicher und sicherer zu erwarten als von ihm; wählten sie aber einen Andern, so blieb seine Feindschaft und jeden Augenblick Denunziazion beim Erzbischofe zu fürchten.
Er brachte es auf diesem Wege durch Furcht und Hoffnungen dahin, daß er gegenwärtig mit Sicherheit auf eine Majorität von drei Viertheilen rechnen konnte.
Sein nächstes Ziel schien erreicht und er dachte bereits über dasselbe hinaus.
Dieser Mann baute die Schlösser seiner Zukunft so, daß wenn das Nächste unter Dach gebracht, ein zweites in halber Höhe dastand und zu einem dritten bereits die Grundfesten gelegt wurden. Er war in seinem fünfunddreißigsten Jahre und hatte keineswegs vor, weitere fünfunddreißig Jahre als Muster-Oekonom und behaglich friedlicher Oberhirt des Waldklosters zu verleben. Wenn er jetzt schon in seinen Gedanken über den noch von einem Andern besetzten, erst zu besteigenden Prälatenstuhl hinausflog nach einem erzbischöflichen, so ist es natürlich, daß er gegen die Abendsonne seines Lebens keinen andern Schutz träumte, als den Schatten der breiten Krempe eines Kardinalshutes.
Der Erzbischof, ein Menschenkenner wie wenige, wußte den Mann nach seiner Brauchbarkeit zu würdigen, ohne ihn zu überschätzen. Er hielt ihn für fähig, auf dem Schlachtfelde der streitenden Kirche ein Armeekorps kühn und klug zu kommandiren, nicht aber in den geheimen Berathungen am grünen Tische des hohen kirchlichen Generalstabes mitzustimmen. Er durchschaute seine Pläne, vielleicht seinen Gedankenflug bis zum runden Hute, er sah aber auch das Bleigewicht, welches nach seiner Ansicht diesen Flug hemmte.
Dieß Gewicht war die Eitelkeit des Priors, die ihn hinderte vollständig im Prinzip aufzugehen. Er konnte sich die kleine Befriedigung nicht versagen, seinen inneren freieren Standpunkt bei gewissen Gelegenheiten gegen Solche zur Schau zu tragen, welche er auf dem gleichen vermuthete, um intelligenten Männern gegenüber das prestige der eignen Intelligenz zu wahren. In keinem Stande ist aber so unbedingt wie in dem seinigen ein gegenseitiges Zugeben des Unglaubens an gewisse Satzungen verboten: der Aspirant auf eine hohe Stufe in der Hierarchie darf mit sich allein, in seinen vier Wänden, vor seinem Spiegel nicht anders sprechen und erscheinen als vor dem Fremden. Zwei Kirchenfürsten mögen ihren beiderseitigen Standpunkt noch so klar erkennen: sie werden nie, nicht im vertraulichsten Gespräche, die Form der Ueberzeugung ablegen. — Pater Bernhard ließ so gern ein „wir verstehen uns“ durchblicken, — er war Parvenü, indem er sich gern als Eingeweihten gab, der vor einem andern Eingeweihten die Maske lüften dürfe.
Vielleicht würde der Prior diese Schwäche ablegen, wenn er erst die rechte, wirkliche Höhe erklommen. Jedenfalls mußte dem Erzbischof, der die Zügel in seiner Diözese straff anzuziehen beschlossen hatte, ein Kopf und eine Hand wie die des Pater Bernhard in einem Zeitpunkte erwünscht sein, wo das Kloster St. Martin durch die Verhältnisse in Korbach besondere Bedeutung gewann.
Die protestantische Kolonie war von einer kleinen Niederlassung von sechs oder acht Familien im Lauf eines Jahres durch Einwanderung auf mehr als 300 Seelen angewachsen. Zwischen den Arbeitern der beiden Konfessionen bestand ein ungetrübt freundliches Einvernehmen. Die Wahl der ins Land gezogenen Protestanten war durchgehends auf sittliche, fleißige, verträgliche Leute gefallen, welche sich gegen die Katholiken so zuvorkommend benahmen, daß die beiden Seelsorger in ihrem Bestreben, die Eintracht zu erhalten, das leichteste Spiel hatten.
Dieses Hand in Hand Gehen konnte nach der Ueberzeugung des Erzbischofs nur zum Nachtheile des Katholizismus ausschlagen.