Der sogenannte „aufgeklärte Katholik“ der gebildeten Stände — eine Sekte, welche die Kirche nun einmal dulden muß, und welche, wenn nicht mitwiegt, wenigstens mitzählt — wird sich im Verkehr mit dem gebildeten Protestanten vor dem „Ansteckungsstoffe“ bewahren: es ist wenigstens so leicht keine Abtrünnigkeit zu fürchten, da die Anschauung nahezu die gleiche ist, und, Ausnahmsfälle abgerechnet, Jeder aus Gefühls- oder Konvenienzgründen seine Form beibehält.

Nicht so der gemeine Mann, — der Arbeiter. Ist er einmal in beständigem Verkehre mit den Bekennern der andern Konfession auf den Punkt der Reflexion gelangt, wo er mehr als einen Weg nach jenem Himmel für möglich hält, der ihn für die zehn täglichen Arbeitsstunden seines Erdenlebens entschädigen soll, so wird es nur eines lockenden materiellen Anstoßes bedürfen und der Schritt hinüber ist geschehen.

Und an eine solche Mehrheit der Wege lernten die katholischen Arbeiter glauben, wenn sie das Wort der Duldung aus dem Munde des eigenen Priesters vernahmen, und an ihren Kameraden jene Redlichkeit und Zufriedenheit im Leben, jenes ruhige Gottvertrauen im Sterben sahen, welches eben die Wirkung des echten der drei Ringe Nathans.

Als die Nachricht von dem abgeschlossenen Konkordate nach Korbach kam, wurde sie von den Protestanten mit großer Bestürzung aufgenommen. Der alte Korbach erklärte ihnen, daß sie nichts zu besorgen hätten, — er werde sie kräftiger unterstützen als bisher, — ihr Bethaus könne man nicht sperren, ihren eigenen Friedhof hätten sie ohnedem, und was die gemischten Ehen betreffe, so müsse nun einmal in Zukunft ein Theil dem andern nachgeben, — sie würden sammt ihren Kindern selig werden, ob sie vom Pfarrer oder vom Pastor getraut seien. Schwerer waren die Katholiken zu beschwichtigen. Als sie von Beichtzwang, Kirchenstrafen u. drgl. hörten, erklärte eine große Anzahl, daß sie beim ersten Versuche einer gewaltsamen Durchführung augenblicklich zum Pastor gehen und sich „lutherisch machen lassen“ wollten. Pfarrer Valentin beruhigte sie mit der auf eigene Gefahr gegebenen Versicherung, es seien dieß Uebertreibungen von Solchen, die es schlecht mit der Kirche meinten. — Die Gemüther beruhigten sich, die schlimmsten Befürchtungen trafen nicht ein, da mehrere der aufreizendsten Verfügungen des Konkordats auf dem Papiere blieben. —

Man hatte in der Hauptstadt davon zu sprechen angefangen. Die frommen Zirkel, deren Mittelpunkt Prinzessin Marie, hatten bereits einen Kreuzzug gegen Korbach gepredigt, die Oberhofmeisterin Gräfin Merfey Bernhard im Leuchtendorf’schen Salon gefragt, ob denn sein Prälat les bras croisés dem Unwesen zusehen werde — und er hatte geantwortet, der kranke Herr sei unzurechnungsfähig, ein energischer Hirt würde die Herde bald von räudigen Schafen reinigen.

Nun kam die glänzende Gabe zum Kirchenbau; die Prinzessin hielt sich an die Thatsache in der offiziellen Zeitung und hielt den alten Korbach für einen Bekehrten.

In diesem unentschiedenen Zustande waren die Dinge bei Bernhard’s Wiedereintritt ins Kloster, und er fand ihn für seine Pläne höchst ungelegen.

An seiner Wahl zum Abte nicht mehr zweifelnd hatte er vor, den Antritt des hohen Amtes durch einen großen, weithin glänzenden coup d’état zu bezeichnen. — Der Thron von St. Martin sollte jetzt erst aufgerichtet werden, eine neue Aera für das Stift beginnen. Nicht mehr die grobe Arbeit an der Kultusmaschine, das Segnen der Wallfahrter, und ebensowenig die Oekonomie, die Anwendung der neuesten Mästungs- und Düngungsmethoden sollte die Mission des Prälaten des Waldklosters sein, sondern er mußte Sitz und Stimme in der Konferenz der hohen kirchlichen Diplomatie haben, — römisch-katholischer Staatsmann werden.

Und hierzu war ein konkordatgemäßer Eclat erforderlich, und ein schöneres Feld nicht denkbar als die Korbacher Frage. — Mit der Mine, welche dort den Protestantismus in die Luft sprengte, flog Pater Bernhard zugleich in die Sonnennähe der zufriedengestellten höchsten Hierarchie. Nun herrschte aber dort tiefer Friede, und um ihn zu brechen, bedurfte es eines casus belli.

Inzwischen verschlimmerte sich der Zustand des Prälaten, die Aerzte gaben ihm nur noch Tage. Die Zeit drängte, einen Operazionsplan zu fassen. Es fehlte dem Prior noch immer das gewisse Etwas, die Handhabe.