Er kannte einen einzigen Mann, mit dem er sich zu berathen gedachte: — Kollmann.

Als dieser seinen Grundbesitz am See, mit Ausnahme des von Knorr vorweg okkupirten Fichtenkegels, vom Stifte ankaufte, war Bernhard während der betreffenden Unterhandlung mit ihm öfter in Berührung gekommen. Sie hatten einander beobachtet und insofern ein verwandtes Element gefunden, als jeder in dem Andern einen Mann erkannte, der weit aussehende Pläne verfolgte.

Während aber Kollmann durch die glänzenden schwarzen Granaten, die unter den dichten Brauen des Priors saßen, diesen bis auf den Grund durchblickte, sah Bernhard durch das trübe Milchglas der sogenannten weißen Augen nicht tiefer als jeder Andere. Kollmann, der jedes Wort, das er für nothwendig hielt, um seinen Gedanken zu verbergen, in einer Weise sprach, als kehre er das Innerste der Seele heraus, hatte das Vertrauen Bernhard’s gewonnen, indem er ihm sagte: „Ich kann keine schönen Frasen machen, und sage Ihnen geradezu, daß es unverzeihlich und unverantwortlich ist, daß ein Mann, in dem ich den künftigen Fürst-Erzbischof sehe, aus Lauheit und Mangel an Selbstvertrauen die Hände in den Schoß legt, statt die Zügel zu ergreifen.“

Eine feine Schmeichelei hätte den Prior vielleicht stutzig gemacht. Die ganz plumpe hielt er für keine. Nachdem er sich ziemlich weit gegen ihn entwickelt, trat Kollmann in sein Schweigen und seine Unsichtbarkeit zurück. Bernhard gedachte nun seiner Worte: „Sie werden lange suchen, bis Sie einen Mann finden, der Sie versteht; wenn Sie des Suchens satt, werden Sie zu mir kommen und finden, was Sie brauchen.“

Nun suchte er ihn auf, — sprach Anfangs reservirt, im Tone des Ueberzeugten, von Umtrieben der Feinde des Glaubens in Korbach, — innerem Berufe, kräftig einzugreifen. Kollmann erwiederte: „Sie führen die Sprache eines Missionärs, nicht eines künftigen Kirchenhauptes.“ — Der Prior rückte weiter heraus, bis Jener merkte, daß es sich um den Mechanismus handle, den man in Korbach spielen lassen wollte, und über welchen er offenbar nicht im Reinen war. Endlich sagte er: „Ich werde Ihre Sache machen. Sie fällt mit einer der meinigen zusammen. Beehren Sie mich in drei Tagen im Freinhofe.“

Der Prior schied mit dem unangenehmen Gefühle einer verlornen Schachpartie, wenn man sich für den Meister hält. „Beehren Sie mich in drei Tagen,“ war eben nicht die Sprache eines „Werkzeuges.“ — Auch hatte er gegen Kollmann auf eine Weise gesprochen, die seinem hohen Gönner sehr mißfallen haben dürfte, und fühlte sich gewissermaßen der Diskrezion seines Alliirten anheimgegeben.

Dennoch kam er wieder, an jenem Abende, wo Arnold im Freinhofe eintraf, den er, als ihn Julie vorstellte, beobachtete, ohne sich ihm zu nähern, um keinem etwaigen Plane des noch nicht anwesenden Kollmann vorzugreifen. Dieser ließ ihn, wie wir wissen, am nächsten Morgen zu sich bitten. Er könnte auch auf mein Zimmer kommen, dachte der Prior, ging aber hinüber.

„Sie brauchen einen Krieg, begann Kollmann — ich liefere Ihnen den Kriegsfall. — Den Krieg führen Sie auf Ihrem Gebiete, ich unterstütze Sie auf einem andern. In dieser Angelegenheit ist rasches Handeln nöthig. Wir dürfen nicht vergessen, daß, wenn dem Protestantismus dort das Genick gebrochen werden soll, dieß nur geschehen kann, so lange der alte Korbach Herr ist. Man kann ihm als Katholiken in anderer Weise beikommen als dem jungen. Nach meiner Ansicht muß die Sache so angegriffen werden, daß den Gegnern die reichen Mittel zur Durchführung ihres Prinzipes etwas verkürzt werden. Folglich handelt es sich darum, sie auf dem industriellen Felde anzugreifen. — Die Korbacher Fabrik verdankt aber ihren Wohlstand vor Allem den Staatsbestellungen. — Es wird somit eine weitere Aufgabe sein, sie mit den Behörden zu überwerfen. — — Leichter wäre dieß Alles vor der Ankunft des jungen Korbach gegangen, doch zweifle ich auch jetzt nicht am Gelingen. — Wir wollen übrigens als die besten Freunde des Alten auftreten.“

Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Bernhard hierauf den Plan in Betreff des Schreibens an den Erzbischof entwickeln. — Er begriff nicht, welche weittragende Wirkung die kleinliche Intrigue mit dem Briefe haben solle. Kollmann fuhr fort: „Der Erzbischof ist jetzt mild gegen Korbach, und Sie brauchen ihn hart. Zweifeln Sie nicht, daß er, so wenig Gereiztheit er zeigt, mit dem vollen apostolischen Grimm bewaffnet nach Korbach kommen wird. Zweifeln Sie ebensowenig, daß der Alte eine Haltung bei der Feierlichkeit annimmt, welche diesen Grimm steigert. Indessen werden Sie Prälat. Ihr Erstes ist, daß Sie den Pfarrer abberufen. Der Erzbischof wird einen Hirtenbrief erlassen, mit dem der Nachfolger Valentin’s auftritt. Es wird zu einem Konflikt, zu einem Exzeß in Korbach kommen — ein Paar zerschlagene Räder und Drahtspulen — vielleicht auch ein Paar Knochen. Sie fliegen nach der Residenz — die Prinzessin, die ganze Partei gibt Ihnen allen appui; — es kann der Fall eintreten, daß Sie die weltliche Gewalt requiriren: in vier Wochen können Sie als der Bezwinger des Protestantismus in Korbach dastehen.“ Der Prior hatte nun die Wahl, entweder zu antworten: Herr, Ihr ganzer Plan ist eine reine Infamie, eine Niederträchtigkeit — oder einfach und schlecht auf Alles einzugehen.